3.5

Vom Rhein bis zu den Karpaten

By Martyn Rady, Henning Thies

Format:Hardcover
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Ein feines Geschichtsbuch ... Zu Radys Vorzügen gehört es, Europa ... anhand seiner Leute und Orte zu schildern. Man möchte mit Rady sofort auf reale Reise gehen.

History, Humanities & Society
688 pagesHardcover
First published October 15, 2024

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Michael SchönefeldReviewed by Michael Schönefeld

Gerne fasse ich das Kapitel 25, "1848 und das Kommen der Revolution", aus Martyn Radys Werk Vom Rhein bis zu den Karpaten. Eine neue Geschichte Mitteleuropas ausführlich für Sie zusammen. Rady betrachtet die Revolutionen von 1848 nicht isoliert, sondern als massiven Ausbruch nationaler und liberaler Forderungen, die das morsche Fundament der mitteleuropäischen Großmächte – insbesondere des Habsburgerreiches – erschütterten. 💥 Der Kessel kocht über: Die Situation vor 1848 Rady beschreibt die Jahre vor 1848 als eine Zeit steigender Spannung, in der sich liberale, nationale und soziale Forderungen gegen die reaktionäre Ordnung der Restauration (geprägt durch Kanzler Metternich) stauten: • Vormärz und Liberalismus: Trotz Zensur und Überwachung durch das Metternich'sche System (Kapitel 24) hatte sich das liberale Gedankengut in den intellektuellen und bürgerlichen Kreisen gefestigt. Man forderte Verfassungen, Bürgerrechte und eine Nationalstaatsgründung (in den deutschsprachigen Gebieten). • Soziale Not: Neben den politischen Forderungen spielte die soziale Frage eine entscheidende Rolle. Rady betont die Missernten der Jahre 1846 und 1847, die zu steigenden Lebensmittelpreisen und einer allgemeinen Verarmung der Unterschichten in den Städten und auf dem Land führten. Diese "Hungerrevolten" waren oft der Zündfunke für die politischen Aufstände. • Nationale Erwachen: Das stärkste explosive Element im mitteleuropäischen Vielvölkerstaat war der Nationalismus. Ungarn, Tschechen, Polen, Kroaten, Serben und Rumänen begannen, ihre kulturelle Identität in politische Forderungen nach Autonomie oder Unabhängigkeit umzuwandeln. 🌪️ Der revolutionäre Flächenbrand (März 1848) Rady hebt hervor, dass der Funke, der von der Februarrevolution in Paris übersprang, in Mitteleuropa auf besonders trockenen Boden traf: • Wien (Zentrum des Reiches): Am 13. März 1848 brachen in Wien Unruhen aus. Die entscheidende Forderung war die Entlassung Metternichs, des Symbols der Restauration. Sein Sturz und die Flucht waren ein Schock für ganz Europa und öffneten die Tore für die Revolution im gesamten Habsburgerreich. • Berlin (Preußen): Auch in Preußen brach die Revolution aus. Nach blutigen Straßenkämpfen (Barrikadenkämpfe) im März musste König Friedrich Wilhelm IV. den Forderungen der Liberalen nachgeben, eine Verfassung versprechen und die deutsche Nationalbewegung unterstützen. • Frankfurter Nationalversammlung: In den deutschen Staaten mündete die liberale Bewegung in der Einberufung der Frankfurter Nationalversammlung (Kapitel 26). Rady sieht dieses Parlament als den Höhepunkt der deutschen liberalen Bewegung mit dem Ziel, einen geeinten deutschen Nationalstaat zu gründen. 🇭🇺 Der Kampf im Habsburgerreich Rady widmet dem Habsburgerreich besondere Aufmerksamkeit, da hier die Revolutionen eine Vielfalt an nationalen Konflikten zutage förderten, die das Reich beinahe zerfallen ließen: • Ungarn und Lajos Kossuth: Ungarn wurde zum Brennpunkt. Unter der Führung von Lajos Kossuth forderte man eine umfassende Autonomie und eine eigene Regierung (Märzgesetze). Rady betont, dass die Ungarn zwar die Freiheit von Wien forderten, aber im Gegenzug die nationalen Forderungen der Minderheiten (Slowaken, Kroaten, Rumänen) in ihrem Königreich ignorierten oder unterdrückten. • Slawische Bewegungen: Im Juni 1848 trafen sich Vertreter der slawischen Völker auf dem Slawenkongress in Prag. Sie forderten nicht die Zerstörung des Habsburgerreiches, sondern dessen Umwandlung in eine Föderation gleichberechtigter Völker unter der habsburgischen Krone (Austroslawismus). • Kroatischer Widerstand: Der kroatische Ban Josip Jelačić spielte eine zentrale Rolle. Er sah die ungarische Autonomie als Bedrohung für die Kroaten und wurde damit zu einem loyalen Instrument der Habsburger gegen die Revolution in Pest. Rady zeigt hier beispielhaft, wie die nationalen Aspirationen gegeneinander ausgespielt wurden. ⚖️ Das Scheitern der Revolution Obwohl die Revolution weitreichende Erfolge erzielte (Abschaffung der Leibeigenschaft, neue Parlamente), endete sie bis 1849 im gesamten mitteleuropäischen Raum in einer Niederlage: • Konservative Gegenreaktion: Die konservativen Kräfte sammelten sich schnell. Das Militär (z.B. Feldmarschall Radetzky in Italien und der Prinz zu Windischgrätz in Prag und Wien) blieb loyal und wurde zum wichtigsten Werkzeug der Gegenrevolution. • Nationaler Zwiespalt: Der größte Schwachpunkt war die Unfähigkeit der Revolutionäre, sich über nationale Grenzen hinweg zu einigen. Die deutschen Liberalen in Frankfurt wollten die deutschsprachigen Teile Böhmens in ihren Nationalstaat einschließen, was die tschechische Nationalbewegung ablehnte. Die ungarische Unterdrückung der Slowaken und Rumänen führte dazu, dass diese Minderheiten sich am Ende auf die Seite der Habsburgermonarchie schlugen, um sich vor Ungarn zu schützen. • Russische Intervention: Das endgültige Scheitern der ungarischen Revolution (der letzten Bastion des Aufstands) erfolgte durch die Intervention des russischen Zaren Nikolaus I. Rady betont, dass die Habsburger die Hilfe des reaktionären Russland benötigten, um ihr Reich zu retten. Zusammenfassend betrachtet Martyn Rady das Jahr 1848 als den entscheidenden Moment, in dem sich die Forderungen nach liberalen Reformen und nationaler Selbstbestimmung in Mitteleuropa Bahn brachen. Das Scheitern lag jedoch in der Zerstrittenheit der Nationalbewegungen begründet, die sich gegenseitig bekämpften und damit den alten Mächten ermöglichten, die Kontrolle wiederzuerlangen. Die Ideale von 1848 blieben aber als Blaupause für die späteren Nationalstaatsgründungen erhalten.

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