4.3

Wir doch nicht

von Nora Burgard-Arp

Format:Hardcover

Hamburg, in der Zukunft. Die 37-jährige Mathilda lebt in einer Diktatur. Sie beendet ihre ungewollte Schwangerschaft heimlich mit einem Kleiderbügel – obwohl auf Abtreibungen in Deutschland eine lebenslange Haftstrafe steht. Das Gesetz hat die SfDD (Sieg für Deutschland und die Deutschen) unmittelbar nach ihrer Machtübernahme erlassen. Mit diesem drastischen Schritt beginnt Mathildas innere Rebellion gegen ein Regime, das sie zur Gebärmaschine degradieren will. Mathilda verrät ihrem Mann Finn nichts und spricht auch sonst mit niemandem, um ihr Verbrechen geheim zu halten. Doch dann entzünden sich ihre inneren Verletzungen.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
220 SeitenHardcover
Erschienen an: 2022-09

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Aktuelle Rezensionen(5)

4.3(18 ratings)
krissys_moodbooksRezension von krissys_moodbooks

„Wir doch nicht“ – Nora Burgard-Arp 
Katapult Verlag • Illustriert von Iris Ott TW: Schwangerschaftsabbruch, patriarchale Gewalt, Diktatur Dieses Buch ist unangenehm. Beklemmend. Wütend machend. Und das muss es, weil viel auf Spiel steht. Steuern wir auf diese politische Zukunft zu? Darum geht’s: Hamburg, in der Zukunft.
Mathilda ist 37 und lebt in einer Diktatur. Die SfDD, „Sieg für Deutschland und die Deutschen“, hat die Macht übernommen. Frauen dürfen nicht mehr selbst über ihre Körper entscheiden. Verhütung ist verboten. Schwangerschaftsabbrüche werden mit lebenslanger Haft bestraft. Queeres Leben, Migration, freie Bildung, Selbstbestimmung – alles wird Schritt für Schritt ausgelöscht, kontrolliert, bestraft. Und Mathilda ist ungewollt schwanger. Sie beendet die Schwangerschaft heimlich. Allein. Mit einem Kleiderbügel.
Weil ihr Körper das Letzte ist, was ihr noch gehört. Oder gehören sollte. Da setzt Nora Burgard-Arp an. Nicht irgendwo weit weg, nicht in einer fernen Sci-Fi-Welt, sondern in einem Deutschland, das sich erschreckend leicht aus unserer Gegenwart heraus denken lässt. Im April war ich gemeinsam mit @buch.insel und @jutifullbooks bei der Lesung von Nora in der Katapult Buchhandlung in Chemnitz. Und ich fand es so stark, wie sie darüber gesprochen hat, wie wichtig gerade diese Gespräche mit jungen Menschen sind. In Schulen. Bei Lesungen. In Räumen, in denen Literatur nicht nur gelesen wird, sondern etwas ausmacht. Fragen zum Beispiel wie: Wie schnell kippt eine Demokratie?
Wie lange schauen wir zu?
Wann wird aus „das wird schon nicht passieren“ ein „warum haben wir nichts getan?“
Und wie viele demokratische Grundrechte müssen erst angegriffen werden, bis wir merken, dass es längst um uns alle geht? Natürlich ist „Wir doch nicht“ eine Dystopie. Aber ein undenkbares Szenario? Definitiv nein. Nicht, wenn wir weltweit sehen, wie Selbstbestimmungsrechte wieder eingeschränkt werden. Nicht, wenn Frauenhass, Queerfeindlichkeit, Rassismus und rechte Ideologien immer lauter werden. Mich hat besonders Mathildas Einsamkeit getroffen. Dieses Gefühl, niemandem mehr trauen zu können. Nicht dem eigenen Mann. Nicht der besten Freundin. Nicht der Nachbarschaft. Diese schleichende Anpassung um sie herum. Menschen, die mitmachen, weil es bequem ist. Menschen, die schweigen, weil sie Angst haben. Menschen, die profitieren, weil das neue System ihnen Macht gibt. Manche Parts haben mich an „Der Report der Magd“ erinnert. Aber „Wir doch nicht“ ist kein deutsches Pendant zu Handmaid’s Tale. Es ist viel näher. Kleiner. Direkter. Es sitzt einem irgendwie anders im Nacken. Noras Schreibstil ist klar und leicht zugänglich. Die Zeitsprünge haben meinen Lesefluss ab und an etwas unterbrochen und ich hätte mir noch tiefere Einblicke in die Charaktere gewünscht. Aber ich konnte das Buch dennoch kaum aus der Hand legen – und dieses beklemmende Gefühl beim Lesen bleibt auch nach dem Zuschlagen bestehen. Für mich ist das ein Buch, das raus aus der Bubble muss. In Schulen. In Lesekreisen. Auf Nachttische. In Familiengespräche. In Diskussionen mit Menschen, die sagen: „Ach, so schlimm wird’s schon nicht.“ Doch. Genau darum geht es. Es wird nicht plötzlich schlimm. Es wird Schritt für Schritt schlimm. Mit jedem Wegsehen. Mit jedem „man darf ja wohl noch sagen“. Mit jedem Schweigen, wenn Menschen diskriminiert, diffamiert oder bedroht werden. Mit jeder Wahl, die wir nicht ernst nehmen. „Wir doch nicht“ ist eine Mahnung. Ein Weckruf. Ein feministischer, humanistischer Tritt in unseren demokratischen Allerwertesten. Und vielleicht brauchen wir genau den immer wieder. Bleibt wachsam. Bleibt laut. Schaut nicht weg.

LyDiaRezension von LyDia

Der dystopischer Roman, handelt von der 37-jährigen Mathilda, die in einer Diktatur in Hamburg lebt und ihre ungewollte Schwangerschaft heimlich mit einem Kleiderbügel beendet. Als Nora Burgard-Arp im Jahr 2022 dieses Buch schrieb, lag die AfD noch bei mehr als 10 Prozent. „Wir doch nicht“ stellt eine bedrückende Zukunftsvision dar, deren Eintreffen sich in den vergangenen Jahren beängstigend angenähert hat. Die Ähnlichkeit der fiktiven „SfDD“ mit derzeit existierenden rechtsextremen und neoliberalen Parteien ist absichtlich, und das Gedankengut, das im Roman Gesetz wird, ist nicht unbedingt extremer als in der Realität. Im Gegenteil: In vielen Ländern sind Familien, die nicht dem traditionellen Modell von Vater, Mutter und Kind entsprechen, wieder verboten bzw. bedroht, ebenso wie der absichtliche Schwangerschaftsabbruch längst nicht mehr überall straffrei möglich ist - siehe USA. Und obwohl das Buch sehr unangenehm und teilweise verstörend ist, hat der fesselnde Schreibstil der Autorin dazu geführt, dass ich beinahe durch die Seiten geflogen bin. Es ist auf den Punkt geschrieben und regt zum Nachdenken an.

Sandra Rezension von Sandra

Gruselige Vorstellung die in Teilen aber schon echte Züge annimmt 2025. Gut geschrieben

MerleRezension von Merle

"Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen" - meine Schwiegermutter als sie mir das Buch auslieh. Ich war mir erst unsicher, ob es mir aktuell gut tut ein Buch zu lesen in dem die aktuelle Stimmung in Deutschland in die falsche Richtung kippt.. Ich war total gefesselt von Matildas Geschichte und es hat mich nicht wie vermutet runtergezogen, sondern viel mehr in meinem Aktivismus motiviert.

MarshaRezension von Marsha

Unfassbar gutes Buch. Es ist spannend, unheimlich, empowernd und sollte von jeder FLINTA gelesen werden. Besser als Handmaids Tale, beste Dystopie des Jahres 2022, vielleicht des ganzen Jahrzehnts. Ich konnte es einfach nicht mehr weglegen. Empfehle aber genügend Kraft und Kapazitäten dafür zu haben, es ist schon ganz schön heftig.

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