3.4

Otto

von Dana von Suffrin

Format:Hardcover
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Zwei Schwestern – und ein Vater, der mehr als genug ist für eine Familie.In ihrem Romandebüt erzählt Dana von Suffrin, was es heißt, wenn ein starrköpfiger jüdischer Familienpatriarch zum Pflegefall wird. Und wie schwer es fällt, von einem Menschen Abschied zu nehmen, den man sein ganzes Leben eigentlich loswerden wollte.Für sein Umfeld war Otto, der pensionierte Ingenieur, schon immer eine Heimsuchung. Aber als er aus dem Krankenhaus zurückkehrt, ist alles noch viel schlimmer. Nach wie vor ist er aufbrausend, manipulativ, distanzlos und von wahnwitzigen Einfällen beseelt – aber jetzt ist er auch noch pflegebedürftig. Seinen erwachsenen Töchtern macht er unmissverständlich klar: Ich verlange, dass ihr für mich da seid. Und zwar immer! Für Timna und Babi beginnt ein Jahr voller unerwarteter Herausforderungen, aber auch der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte, die so schräg ist, dass Außenstehende nur den Kopf schütteln können. Klug, liebevoll und mit sehr viel schwarzem Humor erzählt Dana von Suffrin, wie Timna versucht, ihre dysfunktionale Familie zusammenzuhalten, ohne selbst vor die Hunde zu gehen. »Otto« ist Hommage und zugleich eine Abrechnung mit einem Mann, in dessen jüdischer Biografie sämtliche Abgründe des 20. Jahrhunderts aufscheinen.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
240 SeitenHardcover
Erschienen an: August 22, 2019

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Aktuelle Rezensionen(3)

3.4(9 ratings)
BesianaRezension von Besiana

Ein toter Vater ist besser als ein traumatisierter.“ Selten hat ein Satz die Tragik einer Familie so brutal und so präzise auf den Punkt gebracht. Otto ist kein gewöhnlicher Vater-Tochter-Roman. Es ist ein Roman über Trauma als Erbschaft. Über Schuld als Grundgefühl. Über Heimatlosigkeit. Über patriarchale Macht. Und darüber, wie Kinder zu alten Menschen werden, während ihre Eltern Kinder bleiben. Otto, Ingenieur, 1938 geboren, Zahlenmensch, Fortschrittsgläubiger, kein Nostalgiker – und doch ein Mann, der innerlich nie angekommen ist. Er trägt immer eine Tasche mit Dokumenten bei sich – „falls wir deportiert werden“. Tod ist in diesem Roman kein Ereignis, sondern eine Atmosphäre. Otto ist zäh und unverwüstlich – und zugleich eine Heimsuchung. Er ist rechthaberisch, manipulativ, sparsam bis zum Geiz, dramatisch bis zur Selbstinszenierung. „Geld ist seine Heimat.“ Er kritisiert seine Töchter für Dinge, die er selbst nie geleistet hat. Er redet mit der achtjährigen Timna wie mit einer Erwachsenen – weil er selbst mit acht erwachsen werden musste. Er war im Sechstagekrieg. Er wurde enteignet. Er floh. Aber Trauma ist hier keine Entschuldigung, sondern ein Machtinstrument. „Für manche Menschen ist die Existenz ein ständiger Kampf.“ Und Otto macht aus diesem Kampf eine Bühne. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Darstellung der vertauschten Rollen: Die Kinder sind die Altersvorsorge. Die Kinder sind die emotionalen Betreuer. Die Kinder sind die Erwachsenen. „Wir sind Kinder, und wir bleiben Kinder von Kindern.“ Timna, die Intellektuelle, Doktorin der Philosophie, gelassen, intelligent – und doch chronisch schuldig. Sie stellt sich immer zur Verfügung. Sie verliert ihren Job, weil sie innerlich nicht frei ist. Ihr Leben steht im Schatten eines Vaters, der seine Angst zur Familienstruktur gemacht hat. Babi dagegen: weich, großzügig, mit einem Herz, das größer ist als ihr Schutzmechanismus. Sie organisiert Literaturabende, lässt Obdachlose ins Kino, verschenkt Geld. Sie trägt den Weltschmerz. Die Klinik wird für sie fast zum strukturierten Zufluchtsort – eine bittere Pointe. Und dann die Mutter: „Heim ist ein Ort voller Nazis ohne Zähne.“ Ein Satz, der alles sagt. Politisch links. Großzügig. Kaufsüchtig. Verletzlich. Verbale Gewalt als Alltag. Hunde als einzige sichere Nähe. Auch sie ist traumatisiert. Auch sie ist nicht unbeschadet entkommen. Dieser Roman zeigt nicht nur jüdisches Leben in Deutschland – er zeigt das Nachbeben von Geschichte in privaten Räumen. Patriarchale Vaterfiguren werden auseinandergenommen. Die bürgerliche Fassade reißt. Es geht um Macht. Um Mehrwert. Um den Wert eines Vaters für das Leben seiner Kinder – und um die Frage, ob Liebe und Schuld unterscheidbar sind. „Das ist das Traurige der Welt, die Momente halten nicht, und auch die schönen vergessen wir, und selbst wenn nicht, irgendwann nehmen wir sie mit, und sie lösen sich auf mit uns.“ Sprachlich ist der Roman melodisch, voller Wortwitz, lange Sätze, Rückblenden, Metaphern. Tragisch und sensationell komisch zugleich. Man lacht – und schämt sich dafür. Wie bei einer griechischen Tragödie, nur im Münchner Penthouse. Was mich nachhaltig beschäftigt: Trauma wird hier nicht als großes Ereignis erzählt, sondern als Alltagsstruktur. Als Geiz. Als Kommentar. Als Schweigen. Als ständiges Drama. Aus greisen Kindern werden kindliche Erwachsene – präziser kann man transgenerationale Traumatisierung kaum beschreiben. Und doch endet alles versöhnlich. Der Tod wird ruhig erzählt. Fast friedlich. Hartes Leben – versöhnlicher Tod. Otto ist klug, analytisch, bitterkomisch und schonungslos. Ein Antihelden-Roman. Ein Abschiedsroman. Ein Roman über jüdische Identität, Heimatlosigkeit und die Macht der Familie. Und vor allem: Ein Roman über das Weitergeben von Angst – und die verzweifelte Suche nach Würde. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Ein Buch, das nicht laut sein muss, um radikal zu sein.

TaniaRezension von Tania

Was für eine gefühlsintensive Geschichte - sie hat mich gerührt, wütend gemacht, zum lachen gebracht und auch ziemlich oft innehalten gelassen. Es geht um Otto, einen alten jüdischen Patriarchen, der im sterben liegt und seiner Tochter Timna, die unsere Erzählerin ist. Das Leben mit Otto ist nicht leicht. Während einige Menschen, wahrscheinlich so etwas wie einen Kontaktabbruch in Betracht gezogen hätten, kann Timna nicht anders, als immer klein bei zu geben, wenn ihr Vater eine Ansage macht (auch noch in seinem "Sterbebett"). Wie geht man also damit um, wenn der Mensch geht, der für einen so etwas wie "der Sinn des Lebens" ist?! Dana von Suffrin hat für mich eine sehr authentische Geschichte geschaffen mit wunderbaren Charakteren. Manchmal waren die ein oder anderen Eigenschaften schon fast karikaturistisch beschrieben, aber keinesfalls unrealistisch. Von Suffrin behandelt ein Thema über das ich bisher noch nicht oft gelesen habe und vor allem nicht in dieser Form. Otto hat den Nationalsozialismus überlebt und spricht viel über diese Zeit (nur nicht über die wirklich schlimmen Dinge). Ich finde von Suffrin hat es geschafft wunderbar in den Zeilen zu verstecken, dass wir es mit einem geschundenen Menschen zu tun haben. Einem Menschen, der seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hat. Einen Vater, den seine Töchter lieben und hassen. Ich konnte mich in einigen Situationen sehr gut in die Protagonistin hineinversetzen, gerade in den "Streitsituationen", wenn Otto Recht haben muss. Im Laufe der Geschichte gibt es sogar kleine Charakterentwicklungen, die mich positiv überrascht haben und der Geschichte eine kleine aber feine Wendung gegeben haben. Einen kleinen Punkt Abzug gibt es von mir, weil ich die Erzählstränge manchmal etwas wirr fand. Im großen und Ganzen aber eine wunderschöne Geschichte mit tiefgründigem Inhalt.

Christian Steinberger Rezension von Christian Steinberger

Das Familienoberhaupt Otto ist krank und muss daher ins Krankenhaus. Das hindert den störrischen Patriarchen aber nicht daran, seine beiden Töchter zu befehligen, mit Wehwehchen und Anliegen auf Trab zu halten und sogar von der ältesten, Timna, die uns diese Geschichte erzählt, eine finanzielle Beteiligung einzufordern. Otto weiß vieles besser, ist störrisch, ein herrischer Patriarch, der Timna gerne der jüngeren Tochter Babi gegenüberstellt, damit diese sich an Timna ein Beispiel nehmen möge. Otto arbeitet aber auch seine jüdische Vergangenheit auf und damit traumatische Erfahrungen seiner Generation. Timna vermittelt zwischen den Parteien, zu der auch die Tante aus den Staaten gehört sowie eine Haushälterin, die kaum Deutsch versteht und muss bei all dem Trubel zusehen, dass weder sie selbst noch die Beziehung zu Tann, den sie im Krankenhaus kennen gelernt hat, auf der Strecke bleiben. Dana von Suffrin zeichnet das Porträt einer jüdischen Familie, in der zwei Generationen miteinander verhandeln, wie sich das Jüdischsein leben und verstehen lässt, wie Identität, Herkunft und die Vergangenheit, zu der auch die Shoah gehört, in diesen Generationen nachwirken. Da kommt es schon mal zu grotesken Szenen, wenn Otto den Arzt beschimpft, weil er glaubt, man suche nach seiner Lager-Tätowierung, wo man ihm doch eigentlich nur eine Nadel setzen möchte. Otto ist anstrengend, wütet und zetert durchs Krankenhaus und die Truderinger Reihenhaussiedlung und macht sich in emotionalen Momenten nahbar und verletzlich. Dana von Suffrin erzählt die Geschichte dieser chaotischen Familie mit reichlich pointiertem Sprachwitz und trockenem Humor, was aber meiner Meinung nach die Tatsache nicht ändert, dass "Otto" wie eben die gleichnamige Titelfigur überwiegend anstrengend bleibt.

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