Orca
von Franziska Gänsler
1OLYMPIAAn dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leer stehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah an der Fensterfront.Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging.Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas – makellos gefälschten Luxusartikeln. Ich chattete mit Menschen, die direkte Kontakte zu Fakefactories in Qingdao und Tianjin hatten und über das Rep-Forum als Trusted Seller gehandelt wurden. Ich fragte nach Preisen, Shippingkosten und PSPs, Pre Shipment Pictures. Ich wusste, welche Factories für welche Marken bekannt waren, ich konnte anhand von Fotos unterscheiden, ob die Naht einer Hermes Kelly per Hand oder mit einer Maschine gesetzt worden war, wusste, in welche Chanel-Modelle »Made in Italy« und in welche »Made in France« geprägt sein musste. (Es war saisonabhängig.) Das war Basisarbeit: Mir war klar, dass ich nicht mit einer gefälschten Birkin in der Schule auftauchen konnte, aber es gab Marken, die dort zum Standard gehörten, Tiffany, Burberry, Cartier und Louis Vuitton, und ich verbrachte täglich mehrere Stunden damit, die bestmöglichen Replikas der Teile, die die anderen im Original hatten, zu ermitteln. In meiner Notes-App führte ich eine Liste von Möglichkeiten, die mein angespartes Geld hergeben würde. Ich studierte Bilder, auf denen Taschen neben ihren Fälschungen lagen, las die Lob- und Kritikpunkte der Community. Ich lernte, auf Details zu achten: den Logoprint, der an der Naht exakt aufeinandertreffen, die Gravur der Metallösen, die tief genug und vor allem zentriert sein musste, die Position, Krümmung und Farbe der Lederbänder. Mit diesem Wissen kam ein Gefühl der Selbstermächtigung. Ich hatte einen Weg gefunden, mir zu erarbeiten, was die anderen von Eltern oder Großeltern zum Geburtstag oder Namenstag oder Zeugnis geschenkt bekamen, und was immer ich am Ende meiner Recherche kaufen würde, es fühlte sich an, als wären die Fakes den Originalen bereits dadurch überlegen, dass sie ein Geheimnis trugen. Sie waren das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd.Hinter dem Kaninchen konnte ich das verlassene Büro sehen. Endlos leere Tischreihen, so zusammengeschoben, dass man sich immer paarweise hätte anschauen können, am Bildschirm vorbei, ständiger Blickkontakt. Der Supermarktparkplatz spiegelte sich blau darüber, genau wie das Mäuerchen, auf dem ich saß und der Rücken des Kaninchens. Hinter mir warteten sonnenbehütete Köpfe darauf, dass andere den Laden verließen und sie an die Reihe kamen, ihn zu betreten. Alle auf Abstand, alle mit Masken und ihren selbst mitgebrachten Körben. Manche begrüßten sich, indem sie die Ellenbogen aneinanderstießen. An Gürtelschlaufen und Taschenriemen hingen kleine Desinfektionsspender. Viele hatten Angst, aber niemand hatte so viel Angst wie meine Eltern, die ihre Hamsterkäufe ausschließlich online erledigten und sich einen Überblick über die Preisklassen verschiedener CBRN-Schutzanzüge verschafft hatten, flüssigkeitsdichte Vollmonturen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrensituationen.Das Kaninchen lag wie weggeworfen am Boden, krumm und allein. An den Ohren und am Rücken war sein Fell fein wie Watte, bebte winzig und schnell mit seinen Atemzügen, mit dem Herzschlag. Puls Puls Puls. An der Unterseite war es dunkel und verklebt, dort lief es aus, schwarz in die Erde hinein, in die Wurzeln der Halme. Bis auf das Zucken lag der kleine Körper völlig still, als plötzlich sein Sterben in ihn hineinfuhr, wie eine Hand. Er wurde gestreckt davon, hart, lang wie mein Unterarm. Ich hatte das Gras mit den Schuhspitzen auseinandergeschoben, sah das offene Kaninchenmaul, aus dem jetzt das Geräusch kam, durch das ich es überhaupt erst bemerkt hatte. Oben und unten ein Paar gelber, großer Zähne, wie eine sich öffnende Kralle. Der Anblick ekelte mich so sehr, dass ich die Gräser darüber schließen und davonlaufen wollte, nicht länger dabei sein, nie wieder dieses Verhärten sehen, dieses Maul, diesen widerlichen Schrei daraus hören, aber ich wollte auch nicht, dass es hier so allein liegen blieb, allein starb, im Dreck, in diesem trockenen, trostlosen Grünstreifen an der Mauer, neben dem Supermarktparkplatz.Ist das deines? Jemand beugte sich neben mich, langes, hellrosa Haar, eine Jeanscap, auf der aus Strasssteinen PALERMO stand.Ich schüttelte den Kopf, was war das für eine Frage. Nein? Hoffte, dass mein Tonfall dabei abgeklärt klang, dass man nicht hörte, wie die Situation mich zum Kind machte. Dass ich das Kaninchen halten wollte wie eine Puppe, es wiegen und trösten, dass ich wollte, dass das half.Fuck. In der Spiegelung betrachtete ich das Mädchen, sein riesiges Metal-Shirt, den kurzen Rock in Militäroptik.Die Kombination dieser Teile hätte etwas Wahlloses haben können, im Sozialkaufhaus zusammengeshoppt, aber sie hatte den Saum des Shirts von innen mit einem Gummi fixiert, was den Look minimal bauchfrei machte. In ihren Ohren schimmerten dicke Silberringe, die Babyhaare an den Schläfen hatte sie mit Gel zu kleinen Wellen geformt, wie Maddy in Euphoria. Sie war sicher nicht von hier, musste neu in der Gegend sein, oder zu Besuch.Nebeneinander beugten wir uns in den Schatten der leeren Büroräume, und für einen Moment stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam eine Pappkiste aus dem Supermarkt holen würden, Wasser und Streu. Das Kaninchen aufheben, ihm tropfenweise Flüssigkeit zuführen, es in eine Tierarztpraxis bringen. Aber das Mädchen kletterte an mir vorbei, über die Mauer, auf den harten Grasstreifen. Als es sich zu mir drehte, blieb sein Blick an mir hängen, veränderte, öffnete sich. Hey, wir kennen uns doch? Cora? Es lachte, und darin, in diesem offenen Mund, unter dem Lip- und Eyeliner erkannte ich ein Gesicht, das ich zuletzt gesehen hatte, als wir beide Kinder gewesen waren. Olympia Mitterwald, die mit ihrer Mutter, Schwester und Oma im selben Wohnhaus gewohnt hatte wie ich mit meinen Eltern, damals, bevor meine Mutter das Haus geerbt hatte und wir umgezogen waren.Krass. Voll schön. Olympia umarmte mich, und ich roch etwas Süßes in ihren Haaren, Vanille und Pfeffer. YSL Black Opium, aber schärfer als das Original, alkoholischer, ein Dupe. Ich fragte mich, welchen Geruch sie an mir wahrnahm, wie sich mein Rücken, wie sich meine Schultern für sie anfühlten, ob mein Training in ihren Händen spürbar war, ob ich sie zu fest drückte oder nicht fest genug.Das Kaninchen schrie wieder, und sie ließ mich los. Das Geräusch klang gurgeliger, kehliger als zuvor, nach mehr Blut. Scheiße. Der leidet ja bloß noch.Das Mäuerchen, auf dem ich saß, war eines dieser Drahtgestelle, wie sie überall herumstehen, die mit verschieden großen Steinen angefüllt sind. Olympia bückte sich und begann, daran herumzupulen. Ich stieg neben sie in die Lücke, noch immer mit dem Proteinshake in der Hand, den ich mir an den Nachmittagen kaufte, und in der Glasscheibe spiegelten sich meine langen, schönen Nägel. Almond Shape, Poppy Red. Auch diese Kunst hatte ich im Lockdown anhand von Videotutorials erlernt – die Maniküre mit Acryl Tips.Olympias Rücken kam mir breit vor, an der Definition des Oberschenkelmuskels sah ich, dass sie trainierte. Ganz klar zeichnete sich die Linie des Vastus Lateralis unter der Haut ab. Sie trug Boots, schwarze, schwere Cowboystiefel. Ich checkte ihre Hände, die noch immer an der Mauer zugange waren. Sie hatte früher schon größere Hände als ich gehabt, ich erinnerte mich an ihre Finger, fest um meine, fest um den Babyarm ihrer Schwester geschlossen, aber jetzt hatte sie Hände, die zu ihren Stiefeln passten. Cowboyhände. Kräftig, mit kurzen Naturnägeln, mit denen sie, im Gegensatz zu mir, ungehindert an der Mauer schaben konnte. Ich sah auf meine perfekten roten Tips, hoffte, sie würde nicht denken, ich wäre oberflächlich, zu eitel, um ihr zu helfen.In der Scheibe war Olympias pinkfarbenes Haar Zuckerwatte, PALERMO glitzerte über dem Kaninchen. Okay. Vorsicht. Sie hielt jetzt in jeder Hand einen großen Stein. Neben ihren Stiefelspitzen, neben meinen Air Max, schob sie, als das Kaninchen sich das nächste Mal aufbäumte, einen der beiden Steine schnell, mit der Linken, unter den kleinen Kopf.Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei.Seid ihr nicht irgendwann weggezogen?Sie nickte. Jetzt sind wir aber wieder da, Lockdown und so, meine Oma wär hier sonst völlig allein.Ich erinnerte mich an etwas Wildes an Olympia, an lange, ungekämmte Haare, abgeschabten Nagellack. An eine Blutspur auf ihrem Fuß, weil sie in eine Scherbe getreten war, daran, dass sie den ganzen Tag damit rumgelaufen war, ohne es abzuwaschen, ohne Pflaster. Wie sie damit im Sand gespielt hatte und wie der Sand im Blut kleben blieb. Ihre Schwester, Rena, die immer dabei sein wollte. An Windeln, die schwer zwischen ihren nackten Kleinkinderbeinen hingen. An ihre Oma, die am Fenster rauchte, von da über den Hof rief, wenn die beiden nach Hause kommen sollten.Olympia zog ihr Handy aus der Tasche, sah auf die Uhrzeit. Hey, hat mich voll gefreut, dich zu sehen. Ich muss leider los, jetzt.Sie stieg auf ihr Rad, ich fragte, wohin sie musste. In meiner Vorstellung lag der Sommer völlig leer um uns. Ein warmer, abgestandener See, auf dessen langsames Versickern wir warteten.Da hoch. Sie nickte in die Richtung, in der die Straße anstieg, in der das teuerste Villenviertel der Stadt lag und dahinter bewaldetes Hügelland. Ich kannte die Gegend von den Spaziergängen mit unserer Hündin, kannte sie durch den Blick meines Vaters, durch sein Starren aus dem Baumdunkel, seine Ausführungen über Grundstückspreise, Steuersätze und Versicherungskosten.Ich behauptete, in die gleiche Ecke zu müssen, und blieb bei ihr, begann mit ihr den Anstieg. Sie schob das Rad zwischen uns durch die Ausläufer des Industriegebiets, vorbei an der Autowaschstraße, am Brautmodenoutlet, am Bergsportcenter. Ich sah auf Olympias Hände, die um den Lenker griffen. In den Rillen um ihre Fingernägel klebte eine Spur Kaninchenblut.Sie erzählte, dass sie bis vor Kurzem mit Rena und ihrer Mutter in Düsseldorf gelebt hatte. Jetzt waren sie zurück in der Wohnung ihrer Großmutter, zurück in dem Wohnblock, aus dem wir uns kannten. Vergilbt stand dieses Haus in meiner Erinnerung, die Wände im Treppenhaus, die Balkonbrüstungen, das Licht.Und dann gleich so Lockdown, 24/7 zu viert auf sechzig Quadratmetern. Sie führte die rechte Hand vom Rad zur Schläfe, machte mit dem Zeige- und Mittelfinger einen Pistolenschuss nach, blies sich das Gehirn weg, lachte. Wir haben irgendwann ein Wandbild angefangen, so als Projekt, dass wir uns nicht umbringen. Das geht jetzt schon über den ganzen Wohnungsflur, über alle Wände und die Decke. Mit ihrer Beschreibung wusste ich wieder genau, wie die Blockwohnungen geschnitten waren, der Flur, der auf die Küche zuführte, links das Bad, dann das Wohnzimmer, rechts zwei kleine Zimmer. Himmel auf allen Seiten.Ich erzählte von meinen Eltern. Ahmte nach, wie sie ihre Bestellungen in der Badewanne mit Sagrotan bearbeiteten, bevor sie sie öffneten, duckte mich, feuerte mit lang gestrecktem Arm Sprühstöße, und Olympia lachte, lachte so laut, dass es durch die ganze Straße klang. Es war, als würde sie damit in mein Sprechen hineinatmen, mich antreiben, mein Denken schneller machen, meine Beobachtungen detailreicher. Ich verlor aus dem Blick, dass sie selber von hier kam, beschrieb alles, als müsste es ihr fremdartig und absurd vorkommen, als wäre alles auch für mich selber fremd und absurd, der ganze Ort, mein ganzes Leben. Die ganze Einsamkeit. Den alten Mann, der nebenan lebte, durch dessen Wintergarten man ins Haus blicken konnte, jede Wand ausgekleidet mit Tierköpfen, massive Eber und Hirsche überall. Ich erzählte, wie er mich einmal, vor Jahren, zu sich in die Einfahrt gerufen hatte. Er saß auf den Pflastersteinen vor seiner Garage und hatte ein riesiges Wildschwein im Arm. Ich half ihm, indem ich eine Salatschüssel unter die Kehle des Tieres hielt, während er den Hals aufschlitzte und das Blut in die Schüssel laufen ließ. Eigentlich sollte das Herz für die Ausblutung noch schlagen, die sollen nur hirntot sein, damit der Herzschlag das Blut so richtig rauspumpt. Ich stand gebückt, ein imaginäres Tier in den Armen. Wobei, ich habe das über Schafe gelesen, vielleicht ist das anders bei Wildschweinen. Zu spät realisierte ich, dass ich zu weit gegangen war, dass sie mein Detailwissen zu Schlachtungsvorgängen seltsam finden würde. Sorry, das war weird. Olympia lachte noch immer. Sie lachte und lachte und sah wie früher aus. Du bist so funny. Sie hatte eines dieser Gesichter, das sich völlig mit den Gefühlen veränderte, von Licht und Schatten komplett eingenommen wurde.Wir sprachen über Serien, die wir gesehen, Bücher, die wir gelesen hatten. Euphoria, Tiger King, Die Glasglocke. Um uns wurde die Gegend weitläufiger, stiller. Die normalen Nachbarschaften gingen in die Villengegend über. Wir kreuzten die Schatten jahrhundertealter Bäume, passierten Einfahrten, in denen teurere Autos standen. Mein Gehirn war so auf die Replicawelt eingespielt, dass ich überall nach Fehlern suchte, mich fragte, ob das Leder der Sitze echt war, die Nähte von Hand gestochen, die Details der Leaper auf den Jaguarkühlerhauben fein genug. Aber die Dinge lagen anders hier, wo das Gewebe aus Wohlstand und Status allumfassend war. Es umschmiegte die Menschen, war das Laken, auf dem sie geboren wurden, der Teppich, auf dem sie starben. Die Taschen, Sonnenbrillen und Schals, die meine Mitschülerinnen trugen, sie waren darin unbedeutende Fasern, völlig belanglos. Eine plötzliche Scham überkam mich, als ich an die Stunden dachte, die ich in den vergangenen Wochen auf Reddit verbracht hatte, Fakten sammelnd, Listen führend, mit Verkäufern chattend, in dem dummen Glauben, mir damit eine nicht unterscheidbare Fälschung von Zugehörigkeit erarbeiten zu können.Wohnt ihr noch in dem Haus, in das ihr damals umgezogen seid? Ist das hier irgendwo?Ich schüttelte den Kopf. Schön wärs. Unser Umzug war eine Riesensache für mich gewesen. Ein ganzes, ein eigenes Haus. Ein Garten, ein Hund. Jeden Abend hatte ich an das neue Zimmer gedacht, in dem Opas Modelleisenbahn gestanden hatte, das meines werden sollte. Ich stellte mir verschiedene Wandfarben vor, Anordnungen meiner Möbel, meiner Spielsachen.Ich bin auf einer Schule mit solchen. Ich machte eine Bewegung, die die Nachbarschaft umschloss. Europagymnasium.Olympia lachte. Shit, diese Privatschule?Ich bin in so ’nem Förderprogramm. School Loan Allies. Da zahlen Leute mehr, dass manche einen kostenfreien Platz kriegen. Die kürzen das SLAY ab. Sie lachte wieder, und ich spielte es herunter, als wäre die Aufnahme in das Förderprogramm ein Zufall, der mir widerfahren war, als hätte ich meinen Platz dort gewonnen.Und müsst ihr in dem Programm dann extra slayen und abliefern, oder ist das egal?Ich zuckte mit den Schultern, wollte nicht beschreiben, wie es dort war, wer ich dort war. Wollte nicht daran denken, dass es bald wieder losging.Und alle anderen da sind superreich, oder was?Total. An ihren Reaktionen entlang hangelte ich mich in eine überzeichnete Darstellung der jährlichen Schulversammlung, der Taschen, Uhren, Autos, Svea Bleibingers und ihrer Freundinnen. Sveas Gesicht, ihre Foundation an meinen Fingern nach dem Vorfall, kurz vor dem Lockdown, an den ich seither versucht hatte, nicht zu denken. Ich hab davor noch nie jemanden geschlagen, aber bei der – keine Ahnung. Ich zog durch, mit der Hand durch die Luft, und Olympia lachte.Ist doch gut. Klingt doch, als hätte die das verdient.Wir gingen nah beisammen, und ab und zu stießen beim Lachen unsere Schultern aneinander. Vor uns, ganz oben am Hang, tauchte das Elson-Haus am Waldrand auf. Eine alte, zweistöckige Villa aus Backstein, auf deren Dach irgendwann ein gläserner Kubus gesetzt worden war, ein durchsichtiger Raum, der über dem Viertel, über der Stadt glänzte wie ein Zimmer aus Licht.Weißt du, wer da wohnt? Ich wies mit dem Kopf hinauf, wollte Olympia erzählen, was ich vom Elson wusste, der mit dem Erben der Villa verheiratet gewesen war, einem Künstler, und das Haus nach dessen Tod von ihm geerbt hatte. Ich wollte ihr die Fotostrecke über die beiden beschreiben, die vor Jahren in einem Magazin erschienen war, wollte meinen Vater spielen, der die Bilder studierte, wollte imitieren, wie er einmal, auf der Gassirunde, die Außenmauer des Elson-Gartens mit seinen Schritten vermessen und daraus seine Quadratmeterzahl errechnet hatte.Klar. Olympia lachte. Zu dem muss ich.Sie fragte, ob ich mit reinkommen wollte. Der Elson ist eh nicht da. Oben angekommen, standen wir an der hohen Mauer, die den Garten umgab, und ich sah zu, wie sie einen vierstelligen Code eintippte. Dann fuhr das Tor zur Seite. Ich stellte mir vor, wie ich von hinten aussah, nach Olympia in der Einfahrt verschwindend, mein Rücken, mein Hinterkopf im Spalt der Gasse, so wie mein Vater mich sehen würde, stünde er dort, doch als ich mich umdrehte, hatte sich das Tor schon geräuschlos hinter uns geschlossen. Grün fächerten sich Farne über den Kiesweg zu meinen Füßen, grün lag ein endloser Garten um das Haus.Ich folgte Olympia, die eine weitere Zahlenkombination eingab, die Eingangstür öffnete. Innen umfasste uns Kühle. Weiße, stille Räume, ein Haus wie ein Birkenwald.Erst, als ich sah, wie sie ihre Cowboystiefel auszog und sie ordentlich neben der Tür abstellte, die Cap darauf legte, wie sie sich aus einem Wandschrank ein Paar Gummischlappen nahm und hineinschlüpfte, einen Eimer und verschiedene Fläschchen zusammensammelte, begriff ich, dass es ein Job war, der sie hierherführte. Sie zog die Vorhänge auf, öffnete das Fenster, ging durch den Flur davon, das Schlappen der Gummisohlen zügig und fest zwischen den Wänden. Es gab eine Routine in diesen Abläufen, Olympia folgte klaren Anweisungen. Sie putzte hier.Ich blieb im Eingangsbereich stehen. Ein krakenförmiger Leuchter hing an der Decke. Objekte aus Keramik standen über Wandnischen verteilt. Nur das Licht bewegte sich mit den Blättern vor dem Fenster, nur das Licht und die Schatten.Ich zog meine Schuhe aus, stellte sie ordentlich neben Olympias Boots, ging auf Socken tiefer in das Haus hinein. Rechts reihten sich mehrere Türen, ich öffnete sie nacheinander. In einem Zimmer stand der Konzertflügel, ich erinnerte mich an ihn aus der Fotostrecke. Im nächsten lag alles Mögliche auf einem großen Tisch. Kleine Figuren aus Wachs, Federn, Kinderschuhe. Im dritten stapelten sich Bücher um ein großes Ledersofa. Gemälde hingen an den Wänden, bestickte Stoffbahnen, Fotos. Links vom Gang lag der Salon mit dem Kamin, auch daran erinnerte ich mich. Drei Flügeltüren führten von dort nach draußen. Durch die Gardinen kam der Nachmittag weich wie Staub in die Räume. Etwas Verlassenes lag in allem, als wären die Dinge schon lange unberührt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, machte ein paar Bilder für meinen Vater. Olympia zufällig auf dem Parkplatz zu treffen, mit ihr in dieses Haus zu kommen – in diesem Moment war es noch nicht mehr als eine Geschichte, die ich meinen Eltern erzählen wollte.Ich folgte dem Klappern ihrer Handgriffe, fand Olympia in der Küche. Sie hatte den Eimer mit heißem Wasser gefüllt, saß jetzt auf dem Boden und gab die Putzmittel dazu, zwei Kappen vom einen, drei vom anderen, zählte leise mit. Eins, zwei, eins, zwei, drei, und mir war Verschiedenes peinlich, während ich sie vom Flur aus durch den Türrahmen beobachtete. Peinlich, die Erinnerung, wie ich neben dem Kaninchen gestanden und gedacht hatte, dass man es noch retten konnte. Peinlich, keinen Job zu haben, nicht einmal auf die Idee gekommen zu sein, dass es ein Job war, der sie in diese Nachbarschaft kommen ließ. Die Vorstellung, wie der Elson sie hier herumgeführt und ihr alles genau erklärt haben musste. Wie er sie dabei vielleicht gesiezt hatte. Die Fläschchen dort unten, bitte unbedingt zwei Kappen hiervon und drei hiervon, und bitte lassen Sie die Straßenschuhe im Eingangsbereich stehen. Das pinkfarbene Haar, das sich gelöst hatte und auf dem Boden zwischen uns lag, störend und lang, wie die Spur eines dünnen Filzstifts. Peinlich, danebenzustehen, wie sie mit der Hand im Eimer herumrührte, dann eine Bürste ins Wasser tauchte und zu schrubben begann. Peinlich, dass ich dabei an meine Nägel dachte, deren Makellosigkeit dieser Tätigkeit nicht standhalten könnte.Wie lang arbeitest du hier schon?So sechs Wochen. Sie wusch die Bürste aus, nahm sich dann einen Lappen, um die Pfütze aufzutrocknen. Aber der Elson ist nie da, ich bin immer alleine hier. Versorg die Katze und so. Draußen hat er noch Hühner.Warum musst du hier putzen, wenn der eh weg ist?Weil da Katzenpisse war. Das ist Naturstein, die frisst sich da doch sonst rein. Peinlich, dass ich so etwas nicht wusste.Ich fragte, ob ich ihr helfen konnte, und kurz später kniete ich auf dem Elson-Boden und schaufelte vorsichtig verkrustete Klumpen aus dem Elson-Katzenklo in eine Elson-Mülltüte. Es hätte komisch sein können. Ich kannte diese Katze nicht, ich kannte den Elson nicht. Ich kannte nicht einmal Olympia so richtig. Aber es war schön. Als hätte sie mich zum Spielen eingeladen. Wir wischten, wir schaufelten, wir räumten alles wieder ordentlich zurück. Wir waren Haussitter, aber irgendwie spielten wir auch Haussitter. Es war wie früher in unserer Wohnung. Vater, Mutter, Kind in der Fisher-Price-Küche, nur, dass die hier echt war und die Katzenpisse sich echt in den Stein fraß. Als wir im Haus fertig waren, zeigte sie mir den Garten. Der Weiher, an dessen Ufer der Elson und sein Mann damals fotografiert worden waren, lag still vor dem Haus. Seerosen wuchsen an seinen Rändern, dazwischen spiegelte sich der Himmel. Wolke um Wolke, umsäumt von Blättern und Blüten, die fast künstlich aussahen, wie eines dieser Bilder, die man sich als Homescreen einstellen kann. Wir zogen Kescher durch die Spiegelung, fischten Federn, Insekten, Nester aus Pollen von der Fläche, durchbrachen das Weiß mit schwarzen Ringen.Olympia zeigte mir den Hühnerstall und was es dort zu tun gab, die Reinigung, das Absammeln der Eier, das Auffüllen von Futter und Wasser. Sie zeigte mir, wie die Bewässerungsanlage der Beete funktionierte. Der Elson hatte ihr erklärt, sie erst abends anzustellen, damit nicht zu viel verdunstete, damit die Wasserperlen auf den Blättern nicht zu Brenngläsern wurden. Wir standen barfuß auf der harten Erde, die sich langsam unter unseren Füßen vollsaugte, erst kühl und dann weich wurde. In dieser hinteren Ecke des Grundstücks gab es einen Gästebungalow, ein kleines Holzhaus mit einem Fenster, das auf einen Holunderbaum hinausging. Darin ein Doppelbett und eine Küchenzeile, der Fußboden aus blauen Fliesen. Es roch feucht, und in den Ecken hingen Spinnweben, die mehlig waren von jahrzehntealtem Staub, dicht und weiß.Der Elson hat mir angeboten, dass ich auch mal hier bleiben kann. Olympia stand im Türrahmen, ich sah sie nur als schwarze Form vor dem Garten. Ich dachte, ich kann mal meine Family herholen, für ein Wochenende oder so. Meine Mutter packt das gar nicht, immer in der Wohnung zu sein.Ich fragte, wie alt Rena inzwischen war, wie alt ihre Oma, und sie zeigte mir Bilder, die Oma, die sich kaum verändert hatte, Rena, die elf war und sich an Olympia kuschelte, Rena, die ich nur noch an ihren hellblauen Augen erkannte. Sie ging noch zur Schule, aber seit dem Umzug hatte kaum Präsenzunterricht in ihrer neuen Klasse stattgefunden.Ich hab in Düsseldorf die Zehnte abgeschlossen. Reicht mir. Sie lachte, und ich merkte mir das. Reicht mir. Stellte mir vor, diese zwei Worte zu sagen. Stellte mir vor, sie zu meinen.Aber was machst du jetzt, ich mein, was willst du mal machen?Jetzt bin ich erst mal hier. Keine Ahnung. Ihre Mutter hatte die Anzeige vom Elson in der Zeitung gefunden.Er hatte jemanden gesucht, der während einer längeren Abwesenheit den Garten und die Tiere versorgen würde. Ich hab ihn angerufen, dann war ich einmal da, er hat mir alles gezeigt, und seitdem mach ich das. Der zahlt mich pauschal, auch wenn’s regnet und ich mal gar nicht gießen muss oder so. Und ich mags hier, ich komm gern her. Also, keine Ahnung. Was will ich mehr?Ich nickte. Und wo ist er die ganze Zeit?Vielleicht hat er noch ein anderes Haus irgendwo. Als es Abend wurde, zogen Olympia und ich uns aus und schwammen. Wir legten uns auf das große Holzdeck, die Füße im Wasser. Wir aßen Popcorn und Chips aus einem Vorratsschrank und vapten, und ich merkte mir, wie Olympia den Vape dabei in der geschlossenen Faust hielt, wie sie den Dampf ganz langsam aus sich herausklettern ließ.Es war noch immer hell, aber im Garten zeigte sich an den Mücken über dem Wasser, dass der Tag endete. Es gab kaum Kondensstreifen in diesem Sommer, kaum privaten Flugverkehr. Der Himmel war ganz leer, klar und blau, wie Glas. Kurz hielt Olympia meine Hand fest, als sie mir den Vape reichte, strich mit dem Zeigefinger über meine Nägel. Wie perfekt die sind. Erst wusste ich nicht, ob sie das ernst oder ironisch meinte, weil sie sich von ihren unterschieden, weil ich die Dreckränder sah, die der Tag hinterlassen hatte, Erde oder Algen aus dem Teich, aber Olympia fühlte sich weich neben mir an, zu weich für Kritik.Was willst du machen, wenn du durch bist mit deiner Bonzenschule?Auch das klang weich. Es lag kein Gewicht in ihren Fragen, sie verglich uns nicht.Ich spürte ihr Reicht mir in meinem Mund, aber nach einem kurzen Zögern sagte ich Ausland, sagte Sorbonne, Cambridge, erzählte von den Stipendien, um die ich mich bewerben wollte. Ich will einfach weg von hier.Und Olympia lachte. Checke ich, aber, ich weiß nicht. Ich war weg, und eigentlich ist es überall gleich scheiße. Wir machten eine letzte Runde durch das Haus, stiegen ganz hoch, bis in den gläsernen Kubus auf dem Dach. Standen zwischen den Scheiben, wie in einem Screen. Hinter uns der Wald, links die Villengegend, Baumkronen, Rasen, Pools, Fassaden aus Beton und aus Glas, der sich senkende Himmel.Ich zeigte ihr weit hinten das Haus meiner Eltern, die Nachbarschaft hinter dem Industriegebiet, hinter dem Bahnhof, aus Blöcken zusammengesetzt wie in Minecraft, nur in Schwarz-Weiß, ohne Wasser, ohne Diamanten, ohne Lava. Block, Block, Block. Parkplatz, Flachdach, Vorgarten.Ich dachte an den Elson und seinen Mann, wie sie von hier oben auf ihren Garten geblickt haben mussten, auf das Schwarz des Teichs, das Blattwerk der Pflanzen. Ihre Bäume, ihre Hühner, ihre Katze. Leute wie der Elson, die ihr Leben damit verbrachten, Kinderschuhe zu sammeln, Klavier zu spielen, jeden Tag durch die Seerosen zu schwimmen.Olympia stand nah neben mir. Ich roch noch das Teichwasser an ihr und den Vape, sah unten dunkel eine Spur der nassen Abdrücke, die unsere Körper auf dem Deck hinterlassen hatten. Wenn die getrocknet waren, dann war es das, dann blieb von unserem Aufenthalt nur die Sauberkeit zurück, die frische Streu im Katzenklo, eine leere Popcorntüte in der gelben Tonne, ein einzelnes pinkfarbenes Haar in der Küche.
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von Franziska Gänsler
1OLYMPIAAn dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leer stehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah an der Fensterfront.Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging.Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas – makellos gefälschten Luxusartikeln. Ich chattete mit Menschen, die direkte Kontakte zu Fakefactories in Qingdao und Tianjin hatten und über das Rep-Forum als Trusted Seller gehandelt wurden. Ich fragte nach Preisen, Shippingkosten und PSPs, Pre Shipment Pictures. Ich wusste, welche Factories für welche Marken bekannt waren, ich konnte anhand von Fotos unterscheiden, ob die Naht einer Hermes Kelly per Hand oder mit einer Maschine gesetzt worden war, wusste, in welche Chanel-Modelle »Made in Italy« und in welche »Made in France« geprägt sein musste. (Es war saisonabhängig.) Das war Basisarbeit: Mir war klar, dass ich nicht mit einer gefälschten Birkin in der Schule auftauchen konnte, aber es gab Marken, die dort zum Standard gehörten, Tiffany, Burberry, Cartier und Louis Vuitton, und ich verbrachte täglich mehrere Stunden damit, die bestmöglichen Replikas der Teile, die die anderen im Original hatten, zu ermitteln. In meiner Notes-App führte ich eine Liste von Möglichkeiten, die mein angespartes Geld hergeben würde. Ich studierte Bilder, auf denen Taschen neben ihren Fälschungen lagen, las die Lob- und Kritikpunkte der Community. Ich lernte, auf Details zu achten: den Logoprint, der an der Naht exakt aufeinandertreffen, die Gravur der Metallösen, die tief genug und vor allem zentriert sein musste, die Position, Krümmung und Farbe der Lederbänder. Mit diesem Wissen kam ein Gefühl der Selbstermächtigung. Ich hatte einen Weg gefunden, mir zu erarbeiten, was die anderen von Eltern oder Großeltern zum Geburtstag oder Namenstag oder Zeugnis geschenkt bekamen, und was immer ich am Ende meiner Recherche kaufen würde, es fühlte sich an, als wären die Fakes den Originalen bereits dadurch überlegen, dass sie ein Geheimnis trugen. Sie waren das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd.Hinter dem Kaninchen konnte ich das verlassene Büro sehen. Endlos leere Tischreihen, so zusammengeschoben, dass man sich immer paarweise hätte anschauen können, am Bildschirm vorbei, ständiger Blickkontakt. Der Supermarktparkplatz spiegelte sich blau darüber, genau wie das Mäuerchen, auf dem ich saß und der Rücken des Kaninchens. Hinter mir warteten sonnenbehütete Köpfe darauf, dass andere den Laden verließen und sie an die Reihe kamen, ihn zu betreten. Alle auf Abstand, alle mit Masken und ihren selbst mitgebrachten Körben. Manche begrüßten sich, indem sie die Ellenbogen aneinanderstießen. An Gürtelschlaufen und Taschenriemen hingen kleine Desinfektionsspender. Viele hatten Angst, aber niemand hatte so viel Angst wie meine Eltern, die ihre Hamsterkäufe ausschließlich online erledigten und sich einen Überblick über die Preisklassen verschiedener CBRN-Schutzanzüge verschafft hatten, flüssigkeitsdichte Vollmonturen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrensituationen.Das Kaninchen lag wie weggeworfen am Boden, krumm und allein. An den Ohren und am Rücken war sein Fell fein wie Watte, bebte winzig und schnell mit seinen Atemzügen, mit dem Herzschlag. Puls Puls Puls. An der Unterseite war es dunkel und verklebt, dort lief es aus, schwarz in die Erde hinein, in die Wurzeln der Halme. Bis auf das Zucken lag der kleine Körper völlig still, als plötzlich sein Sterben in ihn hineinfuhr, wie eine Hand. Er wurde gestreckt davon, hart, lang wie mein Unterarm. Ich hatte das Gras mit den Schuhspitzen auseinandergeschoben, sah das offene Kaninchenmaul, aus dem jetzt das Geräusch kam, durch das ich es überhaupt erst bemerkt hatte. Oben und unten ein Paar gelber, großer Zähne, wie eine sich öffnende Kralle. Der Anblick ekelte mich so sehr, dass ich die Gräser darüber schließen und davonlaufen wollte, nicht länger dabei sein, nie wieder dieses Verhärten sehen, dieses Maul, diesen widerlichen Schrei daraus hören, aber ich wollte auch nicht, dass es hier so allein liegen blieb, allein starb, im Dreck, in diesem trockenen, trostlosen Grünstreifen an der Mauer, neben dem Supermarktparkplatz.Ist das deines? Jemand beugte sich neben mich, langes, hellrosa Haar, eine Jeanscap, auf der aus Strasssteinen PALERMO stand.Ich schüttelte den Kopf, was war das für eine Frage. Nein? Hoffte, dass mein Tonfall dabei abgeklärt klang, dass man nicht hörte, wie die Situation mich zum Kind machte. Dass ich das Kaninchen halten wollte wie eine Puppe, es wiegen und trösten, dass ich wollte, dass das half.Fuck. In der Spiegelung betrachtete ich das Mädchen, sein riesiges Metal-Shirt, den kurzen Rock in Militäroptik.Die Kombination dieser Teile hätte etwas Wahlloses haben können, im Sozialkaufhaus zusammengeshoppt, aber sie hatte den Saum des Shirts von innen mit einem Gummi fixiert, was den Look minimal bauchfrei machte. In ihren Ohren schimmerten dicke Silberringe, die Babyhaare an den Schläfen hatte sie mit Gel zu kleinen Wellen geformt, wie Maddy in Euphoria. Sie war sicher nicht von hier, musste neu in der Gegend sein, oder zu Besuch.Nebeneinander beugten wir uns in den Schatten der leeren Büroräume, und für einen Moment stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam eine Pappkiste aus dem Supermarkt holen würden, Wasser und Streu. Das Kaninchen aufheben, ihm tropfenweise Flüssigkeit zuführen, es in eine Tierarztpraxis bringen. Aber das Mädchen kletterte an mir vorbei, über die Mauer, auf den harten Grasstreifen. Als es sich zu mir drehte, blieb sein Blick an mir hängen, veränderte, öffnete sich. Hey, wir kennen uns doch? Cora? Es lachte, und darin, in diesem offenen Mund, unter dem Lip- und Eyeliner erkannte ich ein Gesicht, das ich zuletzt gesehen hatte, als wir beide Kinder gewesen waren. Olympia Mitterwald, die mit ihrer Mutter, Schwester und Oma im selben Wohnhaus gewohnt hatte wie ich mit meinen Eltern, damals, bevor meine Mutter das Haus geerbt hatte und wir umgezogen waren.Krass. Voll schön. Olympia umarmte mich, und ich roch etwas Süßes in ihren Haaren, Vanille und Pfeffer. YSL Black Opium, aber schärfer als das Original, alkoholischer, ein Dupe. Ich fragte mich, welchen Geruch sie an mir wahrnahm, wie sich mein Rücken, wie sich meine Schultern für sie anfühlten, ob mein Training in ihren Händen spürbar war, ob ich sie zu fest drückte oder nicht fest genug.Das Kaninchen schrie wieder, und sie ließ mich los. Das Geräusch klang gurgeliger, kehliger als zuvor, nach mehr Blut. Scheiße. Der leidet ja bloß noch.Das Mäuerchen, auf dem ich saß, war eines dieser Drahtgestelle, wie sie überall herumstehen, die mit verschieden großen Steinen angefüllt sind. Olympia bückte sich und begann, daran herumzupulen. Ich stieg neben sie in die Lücke, noch immer mit dem Proteinshake in der Hand, den ich mir an den Nachmittagen kaufte, und in der Glasscheibe spiegelten sich meine langen, schönen Nägel. Almond Shape, Poppy Red. Auch diese Kunst hatte ich im Lockdown anhand von Videotutorials erlernt – die Maniküre mit Acryl Tips.Olympias Rücken kam mir breit vor, an der Definition des Oberschenkelmuskels sah ich, dass sie trainierte. Ganz klar zeichnete sich die Linie des Vastus Lateralis unter der Haut ab. Sie trug Boots, schwarze, schwere Cowboystiefel. Ich checkte ihre Hände, die noch immer an der Mauer zugange waren. Sie hatte früher schon größere Hände als ich gehabt, ich erinnerte mich an ihre Finger, fest um meine, fest um den Babyarm ihrer Schwester geschlossen, aber jetzt hatte sie Hände, die zu ihren Stiefeln passten. Cowboyhände. Kräftig, mit kurzen Naturnägeln, mit denen sie, im Gegensatz zu mir, ungehindert an der Mauer schaben konnte. Ich sah auf meine perfekten roten Tips, hoffte, sie würde nicht denken, ich wäre oberflächlich, zu eitel, um ihr zu helfen.In der Scheibe war Olympias pinkfarbenes Haar Zuckerwatte, PALERMO glitzerte über dem Kaninchen. Okay. Vorsicht. Sie hielt jetzt in jeder Hand einen großen Stein. Neben ihren Stiefelspitzen, neben meinen Air Max, schob sie, als das Kaninchen sich das nächste Mal aufbäumte, einen der beiden Steine schnell, mit der Linken, unter den kleinen Kopf.Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei.Seid ihr nicht irgendwann weggezogen?Sie nickte. Jetzt sind wir aber wieder da, Lockdown und so, meine Oma wär hier sonst völlig allein.Ich erinnerte mich an etwas Wildes an Olympia, an lange, ungekämmte Haare, abgeschabten Nagellack. An eine Blutspur auf ihrem Fuß, weil sie in eine Scherbe getreten war, daran, dass sie den ganzen Tag damit rumgelaufen war, ohne es abzuwaschen, ohne Pflaster. Wie sie damit im Sand gespielt hatte und wie der Sand im Blut kleben blieb. Ihre Schwester, Rena, die immer dabei sein wollte. An Windeln, die schwer zwischen ihren nackten Kleinkinderbeinen hingen. An ihre Oma, die am Fenster rauchte, von da über den Hof rief, wenn die beiden nach Hause kommen sollten.Olympia zog ihr Handy aus der Tasche, sah auf die Uhrzeit. Hey, hat mich voll gefreut, dich zu sehen. Ich muss leider los, jetzt.Sie stieg auf ihr Rad, ich fragte, wohin sie musste. In meiner Vorstellung lag der Sommer völlig leer um uns. Ein warmer, abgestandener See, auf dessen langsames Versickern wir warteten.Da hoch. Sie nickte in die Richtung, in der die Straße anstieg, in der das teuerste Villenviertel der Stadt lag und dahinter bewaldetes Hügelland. Ich kannte die Gegend von den Spaziergängen mit unserer Hündin, kannte sie durch den Blick meines Vaters, durch sein Starren aus dem Baumdunkel, seine Ausführungen über Grundstückspreise, Steuersätze und Versicherungskosten.Ich behauptete, in die gleiche Ecke zu müssen, und blieb bei ihr, begann mit ihr den Anstieg. Sie schob das Rad zwischen uns durch die Ausläufer des Industriegebiets, vorbei an der Autowaschstraße, am Brautmodenoutlet, am Bergsportcenter. Ich sah auf Olympias Hände, die um den Lenker griffen. In den Rillen um ihre Fingernägel klebte eine Spur Kaninchenblut.Sie erzählte, dass sie bis vor Kurzem mit Rena und ihrer Mutter in Düsseldorf gelebt hatte. Jetzt waren sie zurück in der Wohnung ihrer Großmutter, zurück in dem Wohnblock, aus dem wir uns kannten. Vergilbt stand dieses Haus in meiner Erinnerung, die Wände im Treppenhaus, die Balkonbrüstungen, das Licht.Und dann gleich so Lockdown, 24/7 zu viert auf sechzig Quadratmetern. Sie führte die rechte Hand vom Rad zur Schläfe, machte mit dem Zeige- und Mittelfinger einen Pistolenschuss nach, blies sich das Gehirn weg, lachte. Wir haben irgendwann ein Wandbild angefangen, so als Projekt, dass wir uns nicht umbringen. Das geht jetzt schon über den ganzen Wohnungsflur, über alle Wände und die Decke. Mit ihrer Beschreibung wusste ich wieder genau, wie die Blockwohnungen geschnitten waren, der Flur, der auf die Küche zuführte, links das Bad, dann das Wohnzimmer, rechts zwei kleine Zimmer. Himmel auf allen Seiten.Ich erzählte von meinen Eltern. Ahmte nach, wie sie ihre Bestellungen in der Badewanne mit Sagrotan bearbeiteten, bevor sie sie öffneten, duckte mich, feuerte mit lang gestrecktem Arm Sprühstöße, und Olympia lachte, lachte so laut, dass es durch die ganze Straße klang. Es war, als würde sie damit in mein Sprechen hineinatmen, mich antreiben, mein Denken schneller machen, meine Beobachtungen detailreicher. Ich verlor aus dem Blick, dass sie selber von hier kam, beschrieb alles, als müsste es ihr fremdartig und absurd vorkommen, als wäre alles auch für mich selber fremd und absurd, der ganze Ort, mein ganzes Leben. Die ganze Einsamkeit. Den alten Mann, der nebenan lebte, durch dessen Wintergarten man ins Haus blicken konnte, jede Wand ausgekleidet mit Tierköpfen, massive Eber und Hirsche überall. Ich erzählte, wie er mich einmal, vor Jahren, zu sich in die Einfahrt gerufen hatte. Er saß auf den Pflastersteinen vor seiner Garage und hatte ein riesiges Wildschwein im Arm. Ich half ihm, indem ich eine Salatschüssel unter die Kehle des Tieres hielt, während er den Hals aufschlitzte und das Blut in die Schüssel laufen ließ. Eigentlich sollte das Herz für die Ausblutung noch schlagen, die sollen nur hirntot sein, damit der Herzschlag das Blut so richtig rauspumpt. Ich stand gebückt, ein imaginäres Tier in den Armen. Wobei, ich habe das über Schafe gelesen, vielleicht ist das anders bei Wildschweinen. Zu spät realisierte ich, dass ich zu weit gegangen war, dass sie mein Detailwissen zu Schlachtungsvorgängen seltsam finden würde. Sorry, das war weird. Olympia lachte noch immer. Sie lachte und lachte und sah wie früher aus. Du bist so funny. Sie hatte eines dieser Gesichter, das sich völlig mit den Gefühlen veränderte, von Licht und Schatten komplett eingenommen wurde.Wir sprachen über Serien, die wir gesehen, Bücher, die wir gelesen hatten. Euphoria, Tiger King, Die Glasglocke. Um uns wurde die Gegend weitläufiger, stiller. Die normalen Nachbarschaften gingen in die Villengegend über. Wir kreuzten die Schatten jahrhundertealter Bäume, passierten Einfahrten, in denen teurere Autos standen. Mein Gehirn war so auf die Replicawelt eingespielt, dass ich überall nach Fehlern suchte, mich fragte, ob das Leder der Sitze echt war, die Nähte von Hand gestochen, die Details der Leaper auf den Jaguarkühlerhauben fein genug. Aber die Dinge lagen anders hier, wo das Gewebe aus Wohlstand und Status allumfassend war. Es umschmiegte die Menschen, war das Laken, auf dem sie geboren wurden, der Teppich, auf dem sie starben. Die Taschen, Sonnenbrillen und Schals, die meine Mitschülerinnen trugen, sie waren darin unbedeutende Fasern, völlig belanglos. Eine plötzliche Scham überkam mich, als ich an die Stunden dachte, die ich in den vergangenen Wochen auf Reddit verbracht hatte, Fakten sammelnd, Listen führend, mit Verkäufern chattend, in dem dummen Glauben, mir damit eine nicht unterscheidbare Fälschung von Zugehörigkeit erarbeiten zu können.Wohnt ihr noch in dem Haus, in das ihr damals umgezogen seid? Ist das hier irgendwo?Ich schüttelte den Kopf. Schön wärs. Unser Umzug war eine Riesensache für mich gewesen. Ein ganzes, ein eigenes Haus. Ein Garten, ein Hund. Jeden Abend hatte ich an das neue Zimmer gedacht, in dem Opas Modelleisenbahn gestanden hatte, das meines werden sollte. Ich stellte mir verschiedene Wandfarben vor, Anordnungen meiner Möbel, meiner Spielsachen.Ich bin auf einer Schule mit solchen. Ich machte eine Bewegung, die die Nachbarschaft umschloss. Europagymnasium.Olympia lachte. Shit, diese Privatschule?Ich bin in so ’nem Förderprogramm. School Loan Allies. Da zahlen Leute mehr, dass manche einen kostenfreien Platz kriegen. Die kürzen das SLAY ab. Sie lachte wieder, und ich spielte es herunter, als wäre die Aufnahme in das Förderprogramm ein Zufall, der mir widerfahren war, als hätte ich meinen Platz dort gewonnen.Und müsst ihr in dem Programm dann extra slayen und abliefern, oder ist das egal?Ich zuckte mit den Schultern, wollte nicht beschreiben, wie es dort war, wer ich dort war. Wollte nicht daran denken, dass es bald wieder losging.Und alle anderen da sind superreich, oder was?Total. An ihren Reaktionen entlang hangelte ich mich in eine überzeichnete Darstellung der jährlichen Schulversammlung, der Taschen, Uhren, Autos, Svea Bleibingers und ihrer Freundinnen. Sveas Gesicht, ihre Foundation an meinen Fingern nach dem Vorfall, kurz vor dem Lockdown, an den ich seither versucht hatte, nicht zu denken. Ich hab davor noch nie jemanden geschlagen, aber bei der – keine Ahnung. Ich zog durch, mit der Hand durch die Luft, und Olympia lachte.Ist doch gut. Klingt doch, als hätte die das verdient.Wir gingen nah beisammen, und ab und zu stießen beim Lachen unsere Schultern aneinander. Vor uns, ganz oben am Hang, tauchte das Elson-Haus am Waldrand auf. Eine alte, zweistöckige Villa aus Backstein, auf deren Dach irgendwann ein gläserner Kubus gesetzt worden war, ein durchsichtiger Raum, der über dem Viertel, über der Stadt glänzte wie ein Zimmer aus Licht.Weißt du, wer da wohnt? Ich wies mit dem Kopf hinauf, wollte Olympia erzählen, was ich vom Elson wusste, der mit dem Erben der Villa verheiratet gewesen war, einem Künstler, und das Haus nach dessen Tod von ihm geerbt hatte. Ich wollte ihr die Fotostrecke über die beiden beschreiben, die vor Jahren in einem Magazin erschienen war, wollte meinen Vater spielen, der die Bilder studierte, wollte imitieren, wie er einmal, auf der Gassirunde, die Außenmauer des Elson-Gartens mit seinen Schritten vermessen und daraus seine Quadratmeterzahl errechnet hatte.Klar. Olympia lachte. Zu dem muss ich.Sie fragte, ob ich mit reinkommen wollte. Der Elson ist eh nicht da. Oben angekommen, standen wir an der hohen Mauer, die den Garten umgab, und ich sah zu, wie sie einen vierstelligen Code eintippte. Dann fuhr das Tor zur Seite. Ich stellte mir vor, wie ich von hinten aussah, nach Olympia in der Einfahrt verschwindend, mein Rücken, mein Hinterkopf im Spalt der Gasse, so wie mein Vater mich sehen würde, stünde er dort, doch als ich mich umdrehte, hatte sich das Tor schon geräuschlos hinter uns geschlossen. Grün fächerten sich Farne über den Kiesweg zu meinen Füßen, grün lag ein endloser Garten um das Haus.Ich folgte Olympia, die eine weitere Zahlenkombination eingab, die Eingangstür öffnete. Innen umfasste uns Kühle. Weiße, stille Räume, ein Haus wie ein Birkenwald.Erst, als ich sah, wie sie ihre Cowboystiefel auszog und sie ordentlich neben der Tür abstellte, die Cap darauf legte, wie sie sich aus einem Wandschrank ein Paar Gummischlappen nahm und hineinschlüpfte, einen Eimer und verschiedene Fläschchen zusammensammelte, begriff ich, dass es ein Job war, der sie hierherführte. Sie zog die Vorhänge auf, öffnete das Fenster, ging durch den Flur davon, das Schlappen der Gummisohlen zügig und fest zwischen den Wänden. Es gab eine Routine in diesen Abläufen, Olympia folgte klaren Anweisungen. Sie putzte hier.Ich blieb im Eingangsbereich stehen. Ein krakenförmiger Leuchter hing an der Decke. Objekte aus Keramik standen über Wandnischen verteilt. Nur das Licht bewegte sich mit den Blättern vor dem Fenster, nur das Licht und die Schatten.Ich zog meine Schuhe aus, stellte sie ordentlich neben Olympias Boots, ging auf Socken tiefer in das Haus hinein. Rechts reihten sich mehrere Türen, ich öffnete sie nacheinander. In einem Zimmer stand der Konzertflügel, ich erinnerte mich an ihn aus der Fotostrecke. Im nächsten lag alles Mögliche auf einem großen Tisch. Kleine Figuren aus Wachs, Federn, Kinderschuhe. Im dritten stapelten sich Bücher um ein großes Ledersofa. Gemälde hingen an den Wänden, bestickte Stoffbahnen, Fotos. Links vom Gang lag der Salon mit dem Kamin, auch daran erinnerte ich mich. Drei Flügeltüren führten von dort nach draußen. Durch die Gardinen kam der Nachmittag weich wie Staub in die Räume. Etwas Verlassenes lag in allem, als wären die Dinge schon lange unberührt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, machte ein paar Bilder für meinen Vater. Olympia zufällig auf dem Parkplatz zu treffen, mit ihr in dieses Haus zu kommen – in diesem Moment war es noch nicht mehr als eine Geschichte, die ich meinen Eltern erzählen wollte.Ich folgte dem Klappern ihrer Handgriffe, fand Olympia in der Küche. Sie hatte den Eimer mit heißem Wasser gefüllt, saß jetzt auf dem Boden und gab die Putzmittel dazu, zwei Kappen vom einen, drei vom anderen, zählte leise mit. Eins, zwei, eins, zwei, drei, und mir war Verschiedenes peinlich, während ich sie vom Flur aus durch den Türrahmen beobachtete. Peinlich, die Erinnerung, wie ich neben dem Kaninchen gestanden und gedacht hatte, dass man es noch retten konnte. Peinlich, keinen Job zu haben, nicht einmal auf die Idee gekommen zu sein, dass es ein Job war, der sie in diese Nachbarschaft kommen ließ. Die Vorstellung, wie der Elson sie hier herumgeführt und ihr alles genau erklärt haben musste. Wie er sie dabei vielleicht gesiezt hatte. Die Fläschchen dort unten, bitte unbedingt zwei Kappen hiervon und drei hiervon, und bitte lassen Sie die Straßenschuhe im Eingangsbereich stehen. Das pinkfarbene Haar, das sich gelöst hatte und auf dem Boden zwischen uns lag, störend und lang, wie die Spur eines dünnen Filzstifts. Peinlich, danebenzustehen, wie sie mit der Hand im Eimer herumrührte, dann eine Bürste ins Wasser tauchte und zu schrubben begann. Peinlich, dass ich dabei an meine Nägel dachte, deren Makellosigkeit dieser Tätigkeit nicht standhalten könnte.Wie lang arbeitest du hier schon?So sechs Wochen. Sie wusch die Bürste aus, nahm sich dann einen Lappen, um die Pfütze aufzutrocknen. Aber der Elson ist nie da, ich bin immer alleine hier. Versorg die Katze und so. Draußen hat er noch Hühner.Warum musst du hier putzen, wenn der eh weg ist?Weil da Katzenpisse war. Das ist Naturstein, die frisst sich da doch sonst rein. Peinlich, dass ich so etwas nicht wusste.Ich fragte, ob ich ihr helfen konnte, und kurz später kniete ich auf dem Elson-Boden und schaufelte vorsichtig verkrustete Klumpen aus dem Elson-Katzenklo in eine Elson-Mülltüte. Es hätte komisch sein können. Ich kannte diese Katze nicht, ich kannte den Elson nicht. Ich kannte nicht einmal Olympia so richtig. Aber es war schön. Als hätte sie mich zum Spielen eingeladen. Wir wischten, wir schaufelten, wir räumten alles wieder ordentlich zurück. Wir waren Haussitter, aber irgendwie spielten wir auch Haussitter. Es war wie früher in unserer Wohnung. Vater, Mutter, Kind in der Fisher-Price-Küche, nur, dass die hier echt war und die Katzenpisse sich echt in den Stein fraß. Als wir im Haus fertig waren, zeigte sie mir den Garten. Der Weiher, an dessen Ufer der Elson und sein Mann damals fotografiert worden waren, lag still vor dem Haus. Seerosen wuchsen an seinen Rändern, dazwischen spiegelte sich der Himmel. Wolke um Wolke, umsäumt von Blättern und Blüten, die fast künstlich aussahen, wie eines dieser Bilder, die man sich als Homescreen einstellen kann. Wir zogen Kescher durch die Spiegelung, fischten Federn, Insekten, Nester aus Pollen von der Fläche, durchbrachen das Weiß mit schwarzen Ringen.Olympia zeigte mir den Hühnerstall und was es dort zu tun gab, die Reinigung, das Absammeln der Eier, das Auffüllen von Futter und Wasser. Sie zeigte mir, wie die Bewässerungsanlage der Beete funktionierte. Der Elson hatte ihr erklärt, sie erst abends anzustellen, damit nicht zu viel verdunstete, damit die Wasserperlen auf den Blättern nicht zu Brenngläsern wurden. Wir standen barfuß auf der harten Erde, die sich langsam unter unseren Füßen vollsaugte, erst kühl und dann weich wurde. In dieser hinteren Ecke des Grundstücks gab es einen Gästebungalow, ein kleines Holzhaus mit einem Fenster, das auf einen Holunderbaum hinausging. Darin ein Doppelbett und eine Küchenzeile, der Fußboden aus blauen Fliesen. Es roch feucht, und in den Ecken hingen Spinnweben, die mehlig waren von jahrzehntealtem Staub, dicht und weiß.Der Elson hat mir angeboten, dass ich auch mal hier bleiben kann. Olympia stand im Türrahmen, ich sah sie nur als schwarze Form vor dem Garten. Ich dachte, ich kann mal meine Family herholen, für ein Wochenende oder so. Meine Mutter packt das gar nicht, immer in der Wohnung zu sein.Ich fragte, wie alt Rena inzwischen war, wie alt ihre Oma, und sie zeigte mir Bilder, die Oma, die sich kaum verändert hatte, Rena, die elf war und sich an Olympia kuschelte, Rena, die ich nur noch an ihren hellblauen Augen erkannte. Sie ging noch zur Schule, aber seit dem Umzug hatte kaum Präsenzunterricht in ihrer neuen Klasse stattgefunden.Ich hab in Düsseldorf die Zehnte abgeschlossen. Reicht mir. Sie lachte, und ich merkte mir das. Reicht mir. Stellte mir vor, diese zwei Worte zu sagen. Stellte mir vor, sie zu meinen.Aber was machst du jetzt, ich mein, was willst du mal machen?Jetzt bin ich erst mal hier. Keine Ahnung. Ihre Mutter hatte die Anzeige vom Elson in der Zeitung gefunden.Er hatte jemanden gesucht, der während einer längeren Abwesenheit den Garten und die Tiere versorgen würde. Ich hab ihn angerufen, dann war ich einmal da, er hat mir alles gezeigt, und seitdem mach ich das. Der zahlt mich pauschal, auch wenn’s regnet und ich mal gar nicht gießen muss oder so. Und ich mags hier, ich komm gern her. Also, keine Ahnung. Was will ich mehr?Ich nickte. Und wo ist er die ganze Zeit?Vielleicht hat er noch ein anderes Haus irgendwo. Als es Abend wurde, zogen Olympia und ich uns aus und schwammen. Wir legten uns auf das große Holzdeck, die Füße im Wasser. Wir aßen Popcorn und Chips aus einem Vorratsschrank und vapten, und ich merkte mir, wie Olympia den Vape dabei in der geschlossenen Faust hielt, wie sie den Dampf ganz langsam aus sich herausklettern ließ.Es war noch immer hell, aber im Garten zeigte sich an den Mücken über dem Wasser, dass der Tag endete. Es gab kaum Kondensstreifen in diesem Sommer, kaum privaten Flugverkehr. Der Himmel war ganz leer, klar und blau, wie Glas. Kurz hielt Olympia meine Hand fest, als sie mir den Vape reichte, strich mit dem Zeigefinger über meine Nägel. Wie perfekt die sind. Erst wusste ich nicht, ob sie das ernst oder ironisch meinte, weil sie sich von ihren unterschieden, weil ich die Dreckränder sah, die der Tag hinterlassen hatte, Erde oder Algen aus dem Teich, aber Olympia fühlte sich weich neben mir an, zu weich für Kritik.Was willst du machen, wenn du durch bist mit deiner Bonzenschule?Auch das klang weich. Es lag kein Gewicht in ihren Fragen, sie verglich uns nicht.Ich spürte ihr Reicht mir in meinem Mund, aber nach einem kurzen Zögern sagte ich Ausland, sagte Sorbonne, Cambridge, erzählte von den Stipendien, um die ich mich bewerben wollte. Ich will einfach weg von hier.Und Olympia lachte. Checke ich, aber, ich weiß nicht. Ich war weg, und eigentlich ist es überall gleich scheiße. Wir machten eine letzte Runde durch das Haus, stiegen ganz hoch, bis in den gläsernen Kubus auf dem Dach. Standen zwischen den Scheiben, wie in einem Screen. Hinter uns der Wald, links die Villengegend, Baumkronen, Rasen, Pools, Fassaden aus Beton und aus Glas, der sich senkende Himmel.Ich zeigte ihr weit hinten das Haus meiner Eltern, die Nachbarschaft hinter dem Industriegebiet, hinter dem Bahnhof, aus Blöcken zusammengesetzt wie in Minecraft, nur in Schwarz-Weiß, ohne Wasser, ohne Diamanten, ohne Lava. Block, Block, Block. Parkplatz, Flachdach, Vorgarten.Ich dachte an den Elson und seinen Mann, wie sie von hier oben auf ihren Garten geblickt haben mussten, auf das Schwarz des Teichs, das Blattwerk der Pflanzen. Ihre Bäume, ihre Hühner, ihre Katze. Leute wie der Elson, die ihr Leben damit verbrachten, Kinderschuhe zu sammeln, Klavier zu spielen, jeden Tag durch die Seerosen zu schwimmen.Olympia stand nah neben mir. Ich roch noch das Teichwasser an ihr und den Vape, sah unten dunkel eine Spur der nassen Abdrücke, die unsere Körper auf dem Deck hinterlassen hatten. Wenn die getrocknet waren, dann war es das, dann blieb von unserem Aufenthalt nur die Sauberkeit zurück, die frische Streu im Katzenklo, eine leere Popcorntüte in der gelben Tonne, ein einzelnes pinkfarbenes Haar in der Küche.
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