Nachtzug nach Lissabon
von pascal-mercier
Plötzlich war Schluss. Raimund Gregorius, von seinen Schülern liebevoll Mundus genannt, Lateinlehrer und Altsprachengenie an einem Berner Gymnasium, war unzweifelhaft aus dem Tritt geraten. Er war sich nicht einmal sicher, ob die Frau, die heute Morgen auf der Brücke im strömenden Regen einen Brief zerknüllt hatte, wirklich hatte springen wollen. Gregorius, auf das Schlimmste gefasst, war zu Hilfe geeilt. Português, hatte sie zerstreut auf seine Frage nach ihrer Muttersprache geantwortet und dem Verblüfften eine Telefonnummer auf die Stirn gekritzelt. Die Fremde verschwand so schnell, wie sie in sein Leben getreten war. Eine Idee blieb zurück. Wenig später war Mundus, die museale Gestalt, dieser in Ehren ergraute Ausbund an Korrektheit und Tüchtigkeit, für immer aus dem Klassenzimmer geflohen. Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist -- was geschieht mit dem Rest? Die Worte des portugiesischen Arztes und Poeten Amadeu de Prado, gefunden in einem Antiquariat, hatten Gregorius wie einen Schlag getroffen. Erneut wies die Spur nach Portugal. Der Nachtzug nach Lissabon sollte ins Licht führen. Fortan würde Gregorius die Gedankenwelt des Arztes und Widerstandskämpfers gegen das Regime Salazars nachempfinden. Lebenserfahrungen und unbequeme Fragen, die wie an Gregorius persönlich gerichtet klangen. Tiefer und tiefer geht die Reise -- und führt schließlich in die gefährlich eisigen Grenzregionen der Persönlichkeitsspaltung. Wählte Martin Walser in seinem Werk Der Augenblick der Liebe den geschmähten Philosophen La Mettrie zum Sprachrohr seiner innersten Befindlichkeit, so benutzt Mercier die geschliffenen Existenzfragen de Prados als Motor seines Romans. Vergleiche mit Nabokov und Kafka wurden bereits angestellt. Auch an Umberto Eco fühlen sich einige erinnert, hat doch der Berner Peter Bieri, der seine Erfolgsromane Der Klavierstimmer und Perlmanns Schweigen als Pascal Mercier zeichnete, in Berlin einen Lehrstuhl für analytische Sprachphilosophie inne. Sprache, die das Innerste aufschließt. Mercier ist ein Roman von betörender und träumerischer Schwere gelungen, angesiedelt im Tropengebiet der Melancholiker. Die Rückfahrt wird nicht leicht werden. --Ravi Unger
Was ist bookie?
- Gratis Lieferung in Deutschland
- Finde Bücher die zu dir passen
- Tracke dein Leseverhalten und setze dir Ziele
- Connecte dich mit anderen Leser*innen
Nachtzug nach Lissabon
von pascal-mercier
Plötzlich war Schluss. Raimund Gregorius, von seinen Schülern liebevoll Mundus genannt, Lateinlehrer und Altsprachengenie an einem Berner Gymnasium, war unzweifelhaft aus dem Tritt geraten. Er war sich nicht einmal sicher, ob die Frau, die heute Morgen auf der Brücke im strömenden Regen einen Brief zerknüllt hatte, wirklich hatte springen wollen. Gregorius, auf das Schlimmste gefasst, war zu Hilfe geeilt. Português, hatte sie zerstreut auf seine Frage nach ihrer Muttersprache geantwortet und dem Verblüfften eine Telefonnummer auf die Stirn gekritzelt. Die Fremde verschwand so schnell, wie sie in sein Leben getreten war. Eine Idee blieb zurück. Wenig später war Mundus, die museale Gestalt, dieser in Ehren ergraute Ausbund an Korrektheit und Tüchtigkeit, für immer aus dem Klassenzimmer geflohen. Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist -- was geschieht mit dem Rest? Die Worte des portugiesischen Arztes und Poeten Amadeu de Prado, gefunden in einem Antiquariat, hatten Gregorius wie einen Schlag getroffen. Erneut wies die Spur nach Portugal. Der Nachtzug nach Lissabon sollte ins Licht führen. Fortan würde Gregorius die Gedankenwelt des Arztes und Widerstandskämpfers gegen das Regime Salazars nachempfinden. Lebenserfahrungen und unbequeme Fragen, die wie an Gregorius persönlich gerichtet klangen. Tiefer und tiefer geht die Reise -- und führt schließlich in die gefährlich eisigen Grenzregionen der Persönlichkeitsspaltung. Wählte Martin Walser in seinem Werk Der Augenblick der Liebe den geschmähten Philosophen La Mettrie zum Sprachrohr seiner innersten Befindlichkeit, so benutzt Mercier die geschliffenen Existenzfragen de Prados als Motor seines Romans. Vergleiche mit Nabokov und Kafka wurden bereits angestellt. Auch an Umberto Eco fühlen sich einige erinnert, hat doch der Berner Peter Bieri, der seine Erfolgsromane Der Klavierstimmer und Perlmanns Schweigen als Pascal Mercier zeichnete, in Berlin einen Lehrstuhl für analytische Sprachphilosophie inne. Sprache, die das Innerste aufschließt. Mercier ist ein Roman von betörender und träumerischer Schwere gelungen, angesiedelt im Tropengebiet der Melancholiker. Die Rückfahrt wird nicht leicht werden. --Ravi Unger
Aktuelle Rezensionen(7)
Ein schicksalhaftes Treffen mit einer unbekannten, portugiesischen Frau mitten in Bern bringt bei dem alteingesessenen Lateinlehrer Raimund Gregorius (auch Mundus genannt) einen Stein ins Rollen. Als ihm schließlich das Buch von einem Amadeu de Prado in die Hände fällt, begibt er sich auf eine Reise nach Lissabon, auf die Suche nach dem Gefühl von „Português“. Ich habe mich so sehr auf dieses Buch gefreut, da ich selbst portugiesische Wurzeln habe. Ich fühle mich der Sprache sehr verbunden und auch Lissabon ist meine liebste Stadt in Portugal. Wie unser Protagonist Mundus also durch die Gassen Lisboas wandert, immer ein wenig portugiesische Poesie mit dabei, hat mich anfänglich sehr abgeholt. Beim Lesen habe ich mich oft nach „zu Hause“ gesehnt. Besonders gut haben mir die Nebenfiguren gefallen. Alle waren sie mysteriöse Menschen, über die ich immer mehr erfahren wollte. Es war sogar eher so, dass mich diese Figuren teils mehr interessiert haben, als Prado selbst, der eigentlich im Mittelpunkt der Erzählung steht und auf dessen Suche sich Mundus ja begibt. Ich finde die Erzählung schafft es ganz wunderbar, über Prado als Bindeglied, Einblicke in das Innenleben der Nebenfiguren zu geben und diese für sich scheinen zu lassen. Sprachlich kann das Buch durchaus sehr anspruchsvoll sein. Gerade Prados Ausführungen lesen sich wie philosophische, psychologische und poetische Texte zugleich. Was ich zu Anfang noch toll fand, um in die Geschichte zu tauchen, nimmt im Verlauf der Lektüre überhand. Einige der Texte wirkten für mich irgendwann nur noch repetitiv und konstruiert, sodass es mir zunehmend schwerer fiel zu folgen. Es ging sogar so weit, dass ich das Buch längere Zeit liegen ließ, weil es mich langweilte. Ich hatte ab der Hälfte den Eindruck alles gelesen zu haben, was ging… Auch habe ich mich immer wieder gefragt was Mundus’ tatsächliche Motivation für seine Reise war… eine Frage, die sich für mich nie aufgelöst hat und mich daher sehr unbefriedigt zurückgelassen hat…leider nur 2/5 ⭐️, obwohl ich super viel Potential darin gesehen habe.
Stark angefangen, aber ebenso stark nachgelassen
Eine spannende Zugreise! Zeitweise hatte mich die Geschichte verloren, am Ende jedoch ein schlüssiges und auch interessantes Gesamtbild ergeben. War gut jedoch würde ich es mit etwas Abstand nicht unbedingt empfehlen.
Aufgegeben, abgebrochen nach einem Drittel. Immerhin, ich habe es versucht. Soll bestimmt irre philosophisch und tiefgründig sein, ich fand es nur zäh und ermüdend. Der beste Teil war die Rede, die mit Religion abrechnet. Da war Pfeffer und Scharfsinn drin, den ich sonst nicht zu spüren vermochte.
.