"Die meisten Menschen haben noch nie etwas von jüdischen Gangstern gehört. Sie glauben nicht einmal, daß es sie je gegeben hat. Allein der Gedanke an einen jüdischen Gangster verstößt gegen die elementarsten Klischees von Juden, Klischees, die den Platz der Juden in der Welt umschreiben. Juden sind körperlich harmlose Bürokreaturen." Rich Cohen kann sich erlauben so zu schreiben, schließlich ist er selbst Jude, und daß er sich für jüdische Gangster interessiert, hat biographische Gründe. Seine Großeltern besaßen ein Restaurant in Brooklyn, in dem die zwielichtigen Gestalten zu speisen pflegten, sein Vater und dessen Freunde sogen den Mythos der jüdischen Unterwelt in ihren halbstarken Träumen auf. Der Ton des Vaters ist auf den Sohn übergegangen, der die Geschichte des organisierten jüdischen Verbrechens wie einen Abenteuerroman verkannter Volkshelden darstellt. Am Vorabend des zweiten Weltkriegs entstehen in New York, besser gesagt in den Vierteln Brooklyn und Brownsville, jüdische Verbrecherbanden, deren Bandenmitglieder im Laufe der Jahre ihre Kriminalität von Gewerkschaftserpressung zu Drogenschmuggel, Prostitution, Bandenkrieg und Auftragsmord steigern. Ihre Namen klingen wie für ein Drehbuch geschrieben: Bugsy Siegel, Abe Kid Twist Reles, Meyer Lansky, Louis Lepke Buchalter, Arnold Rothstein. Cohen zeichnet das Leben der Kriminellen, soweit er es rekonstruieren konnte, nach, spart dabei nicht mit Sympathien und kommt immer wieder darauf zurück, weshalb er diese Juden der 30er und 40er Jahre, am Vorabend des Holocaust, bewunderte: "Die Gangster waren der Prototyp eines neuen Juden, jenes sportlichen, geländegängigen Modells, das sich aus der Asche des zweiten Weltkriegs erheben sollte. Männer wie Lepke und Lansky zählten zu den ersten Juden, denen die Wahrheit über die Gewalt bekannt war." Cohen schafft es trotz seiner manchmal etwas waghalsigen und unpassenden Vergleiche, trotz seiner saloppen Ausdrucksweise, die angesichts der allzu brutalen Situationen manchmal nicht angebracht scheinen, die nahezu unbekannte Geschichte der jüdischen Gangster, ihre Schauplätze und Showdowns plastisch darzustellen. Am eindrucksvollsten ist ihm das Ende der Ära gelungen: Lepke, der Chef der Unterwelt, stellt sich Edgar J. Hoover, dem damaligen Leiter des FBI. Nach und nach gehen die Fische den vor allem auch politisch motivierten Ermittlern ins Netz, beginnen zu "singen", werden zum Tod verurteilt. Cohens Buch ist, gerade wegen seiner streitbaren Einstellung zu den Gangstern, ein lesenswertes Stück Zeit-, Sozial- und Kriminalgeschichte. --Bettina Albert
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Murder Inc. oder nicht ganz koschere Geschäfte in Brooklyn
von Rich Cohen
"Die meisten Menschen haben noch nie etwas von jüdischen Gangstern gehört. Sie glauben nicht einmal, daß es sie je gegeben hat. Allein der Gedanke an einen jüdischen Gangster verstößt gegen die elementarsten Klischees von Juden, Klischees, die den Platz der Juden in der Welt umschreiben. Juden sind körperlich harmlose Bürokreaturen." Rich Cohen kann sich erlauben so zu schreiben, schließlich ist er selbst Jude, und daß er sich für jüdische Gangster interessiert, hat biographische Gründe. Seine Großeltern besaßen ein Restaurant in Brooklyn, in dem die zwielichtigen Gestalten zu speisen pflegten, sein Vater und dessen Freunde sogen den Mythos der jüdischen Unterwelt in ihren halbstarken Träumen auf. Der Ton des Vaters ist auf den Sohn übergegangen, der die Geschichte des organisierten jüdischen Verbrechens wie einen Abenteuerroman verkannter Volkshelden darstellt. Am Vorabend des zweiten Weltkriegs entstehen in New York, besser gesagt in den Vierteln Brooklyn und Brownsville, jüdische Verbrecherbanden, deren Bandenmitglieder im Laufe der Jahre ihre Kriminalität von Gewerkschaftserpressung zu Drogenschmuggel, Prostitution, Bandenkrieg und Auftragsmord steigern. Ihre Namen klingen wie für ein Drehbuch geschrieben: Bugsy Siegel, Abe Kid Twist Reles, Meyer Lansky, Louis Lepke Buchalter, Arnold Rothstein. Cohen zeichnet das Leben der Kriminellen, soweit er es rekonstruieren konnte, nach, spart dabei nicht mit Sympathien und kommt immer wieder darauf zurück, weshalb er diese Juden der 30er und 40er Jahre, am Vorabend des Holocaust, bewunderte: "Die Gangster waren der Prototyp eines neuen Juden, jenes sportlichen, geländegängigen Modells, das sich aus der Asche des zweiten Weltkriegs erheben sollte. Männer wie Lepke und Lansky zählten zu den ersten Juden, denen die Wahrheit über die Gewalt bekannt war." Cohen schafft es trotz seiner manchmal etwas waghalsigen und unpassenden Vergleiche, trotz seiner saloppen Ausdrucksweise, die angesichts der allzu brutalen Situationen manchmal nicht angebracht scheinen, die nahezu unbekannte Geschichte der jüdischen Gangster, ihre Schauplätze und Showdowns plastisch darzustellen. Am eindrucksvollsten ist ihm das Ende der Ära gelungen: Lepke, der Chef der Unterwelt, stellt sich Edgar J. Hoover, dem damaligen Leiter des FBI. Nach und nach gehen die Fische den vor allem auch politisch motivierten Ermittlern ins Netz, beginnen zu "singen", werden zum Tod verurteilt. Cohens Buch ist, gerade wegen seiner streitbaren Einstellung zu den Gangstern, ein lesenswertes Stück Zeit-, Sozial- und Kriminalgeschichte. --Bettina Albert
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