Louisiana, die 1940er-Jahre, ein elektrischer Stuhl wird in die kleine Stadt St. Martinsville gebracht für die geplante Hinrichtung eines jungen Schwarzen namens Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. In Wirklichkeit ist sie seine Geliebte gewesen, die sich aus Verzweiflung umgebracht hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Alle wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, aber sogar Will selbst hat aus Trauer und Schuldgefühlen innerlich eingewilligt, und weiße Wutbürger drohen dem zweifelnden Staatsanwalt mit der Entführung seines Sohnes. Nach einer wahren Begebenheit, psychologisch fein und in einer an William Faulkner erinnernden multiperspektivischen Intensität erzählt Elizabeth Winthrop die tragischen Ereignisse bis zum überraschenden Ende. Ein meisterhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt und das niemanden kaltlassen wird.
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Mercy Seat
von Elizabeth H. Winthrop, Hansjörg Schertenleib
Louisiana, die 1940er-Jahre, ein elektrischer Stuhl wird in die kleine Stadt St. Martinsville gebracht für die geplante Hinrichtung eines jungen Schwarzen namens Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. In Wirklichkeit ist sie seine Geliebte gewesen, die sich aus Verzweiflung umgebracht hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Alle wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, aber sogar Will selbst hat aus Trauer und Schuldgefühlen innerlich eingewilligt, und weiße Wutbürger drohen dem zweifelnden Staatsanwalt mit der Entführung seines Sohnes. Nach einer wahren Begebenheit, psychologisch fein und in einer an William Faulkner erinnernden multiperspektivischen Intensität erzählt Elizabeth Winthrop die tragischen Ereignisse bis zum überraschenden Ende. Ein meisterhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt und das niemanden kaltlassen wird.
Aktuelle Rezensionen(1)
<a href="https://licentpoeticae.wordpress.com/2019/03/04/elizabeth-h-winthrop-mercy-seat/">Rezension</a> Louisiana in den Vierzigern: Will soll auf dem elektrischen Stuhl sterben. Schwarzer Junge vergewaltigt weißes Mädchen, das sich daraufhin erschießt. Die Geschichte erscheint hier im Süden der Staaten absolut schlüssig. Was niemand glauben kann oder will: Grace Sutcliffe war in Wirklichkeit Wills Geliebte, ihr Selbstmord ein Akt der Verzweiflung, nachdem die geheime Liebschaft aufgeflogen ist. Jeder weiß, dass ein weißer Junge nie zum Tode verurteilt worden wäre, aber niemand rührt sich. Manche geben sich der Illusion hin, dass eine höhere Macht diese Ungerechtigkeit schon verhindern wird, manche sind gelähmt vor Entsetzen, andere fürchten um die Vergeltungsmaßnahmen weißer Wutbürger, wenn sie den Mund auf machen. Und selbst Will scheint sein Schicksal akzeptiert zu haben, bis etwas Überraschendes geschieht… Es ist und bleibt ein Thema, das mich nicht los lässt, das bedrückt und entsetzt, aber mit dem man sich trotzdem auseinander setzen muss: Rassismus. In „Mercy Seat“ erzählt Elizabeth H. Winthrop die Geschichte des jungen Will, der den furchtbaren Fehler gemacht hat, sich im Süden der Vereinigten Staaten in ein weißes Mädchen zu verlieben und mit diesem zusammen zu sein. Als ihr Vater die beiden miteinander erwischt, gibt es für ihn nur eine Erklärung: es muss Vergewaltigung gewesen sein, nie im Leben hat sich seine Tochter Grace freiwillig auf einen Schwarzen eingelassen. Grace, die weiß, dass sie beide keine Chance haben, nimmt sich kurz nach Entdeckung der „Tat“ das Leben. Damit ist der einzige Mensch, der zu Wills Gunsten hätte aussagen können, tot. Eine regelrechte Hexenjagd beginnt, die für Will nicht nur im Gefängnis, sondern gleich in der Todeszelle endet. Als das Buch einsetzt ist diese Verurteilung bereits zehn Monate her. Der Tag der Hinrichtung steht unmittelbar bevor. Winthrop hat sich dazu entschieden, diesen Tag aus der Perspektive ganz unterschiedlicher Figuren zu erzählen. Zum einen ist da natürlich Will selbst, der das Gefühl hat er habe die Todesstrafe verdient, weil er Mitschuld an Graces Freitod hat. Dann sind da noch Frank, Wills Vater, der den Grabstein für seinen eigenen Sohn besorgen und zum Friedhof schaffen muss, Hannigan, der Priester des Ortes, der damit betraut ist Will Beistand zu leisten und sich dieser Aufgabe zwar verpflichtet, aber nicht gewachsen fühlt, Lane, der selbst einsitzt und als Freigänger den Truck fahren darf, der den elektrischen Stuhl in den kleinen Ort schafft, Dale und Ora, das Ehepaar, dem die örtliche Tankstelle gehört und deren Sohn in den Krieg gezogen ist, sowie Polly, der Staatsanwalt, der das Todesurteil erwirkt hat, Nell, seine Frau, die Wills letzte Mahlzeit zubereitet und deren Sohn Gabe, der sich hin und her gerissen fühlt zwischen dem „Südstaatenstolz“ seines Umfeldes und dem, was richtig ist. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten, sodass selten mehr als zwei, drei Seiten von derselben Figur erzählt werden. Anfangs habe ich befürchtet, dass dadurch die Geschichte zu abgehackt und durchbrochen wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Durch die kurzen, aber intensiven Einblicke in die jeweiligen Perspektiven von Wills letztem Tag, wurde die Geschichte nur noch packender. Ja, „Mercy Seat“ packt einen, aber es ist keine schöne Geschichte. Je näher das unausweichlich scheinende Ende rückte, desto emotionaler wurde ich, ganz wie die Charaktere, aus deren Sicht ich die Geschichte verfolgen durfte, bis ich mir sogar ein paar Tränen nicht verkneifen konnte. Dafür vergebe ich vier sehr verdiente Punkte.