»In Deutschland heißt es, ich sei in relativer Armut aufgewachsen. Abgetragene Victory-Schuhe von Deichmann statt Nikes, aber hey, immerhin Schuhe. Zur Schule laufen, weil die Familie noch nie ein Auto besessen hat, aber hey, immerhin Schulbildung und das sogar auf einem Gymnasium – der Ort, der Kindern in Armut besonders häufig verwehrt bleibt. Das Zimmer mit den Geschwistern teilen, aber hey, immerhin eine Wohnung. Hineingeboren in eine Familie, die noch ärmer aufgewachsen ist als ich, habe ich vor allem eines gelernt: Beschwer dich nicht, dir geht’s relativ gut.«Nach ihrem ersten Kuss hat sie erst einmal geweint, denn Miriam Davoudvandi wusste, dieser Typ muss irgendwann ihr Elternhaus von innen sehen: der schäbige Sozialbau inmitten von Einfamilienhäusern, die vollgestellten Zimmer, das zerschlissene Bad. Die Scham nicht dazuzugehören, prägte Miriam Davoudvandi spätestens seit ihrer Einschulung. Und während sie viel Energie darauf verwendet, ihre Lebensumstände zu verstecken und sich um jeden Preis anzupassen, hört sie zu Hause vor allem einen Satz immer wieder: Das können wir uns nicht leisten.Inzwischen hat sie es geschafft, ist sozial aufgestiegen und verdient mehr als ihre Eltern jemals. Ihr Fazit: Geld macht sehr glücklich. Aber zu welchem Preis? So entwaffnend wie berührend erzählt Miriam Davoudvandi, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Dabei blickt sie nicht nur auf die offensichtlichen Schauplätze von Armut, sondern auch auf Aspekte wie Dating, Freundschaften, Gesundheit und Psyche und das Leben als Erstakademikerin. Und zeigt, warum sogar Sterben und Trauern hierzulande nur etwas für Reiche ist.Denn um Armut zu bemessen, gibt es zwar unzählige mathematische Ansätze, jedoch helfen sie nicht zu verstehen, wie Armut sich anfühlt und was sie langfristig mit einem macht. Armut tut weh, aber diese Geschichten möchte niemand hören. Dabei ist Armut etwas, was sich – theoretisch – leicht beseitigen ließe. Dass wir das gerade in Deutschland nicht hinbekommen, ist peinlich – für uns alle.
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Das können wir uns nicht leisten
»In Deutschland heißt es, ich sei in relativer Armut aufgewachsen. Abgetragene Victory-Schuhe von Deichmann statt Nikes, aber hey, immerhin Schuhe. Zur Schule laufen, weil die Familie noch nie ein Auto besessen hat, aber hey, immerhin Schulbildung und das sogar auf einem Gymnasium – der Ort, der Kindern in Armut besonders häufig verwehrt bleibt. Das Zimmer mit den Geschwistern teilen, aber hey, immerhin eine Wohnung. Hineingeboren in eine Familie, die noch ärmer aufgewachsen ist als ich, habe ich vor allem eines gelernt: Beschwer dich nicht, dir geht’s relativ gut.«Nach ihrem ersten Kuss hat sie erst einmal geweint, denn Miriam Davoudvandi wusste, dieser Typ muss irgendwann ihr Elternhaus von innen sehen: der schäbige Sozialbau inmitten von Einfamilienhäusern, die vollgestellten Zimmer, das zerschlissene Bad. Die Scham nicht dazuzugehören, prägte Miriam Davoudvandi spätestens seit ihrer Einschulung. Und während sie viel Energie darauf verwendet, ihre Lebensumstände zu verstecken und sich um jeden Preis anzupassen, hört sie zu Hause vor allem einen Satz immer wieder: Das können wir uns nicht leisten.Inzwischen hat sie es geschafft, ist sozial aufgestiegen und verdient mehr als ihre Eltern jemals. Ihr Fazit: Geld macht sehr glücklich. Aber zu welchem Preis? So entwaffnend wie berührend erzählt Miriam Davoudvandi, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Dabei blickt sie nicht nur auf die offensichtlichen Schauplätze von Armut, sondern auch auf Aspekte wie Dating, Freundschaften, Gesundheit und Psyche und das Leben als Erstakademikerin. Und zeigt, warum sogar Sterben und Trauern hierzulande nur etwas für Reiche ist.Denn um Armut zu bemessen, gibt es zwar unzählige mathematische Ansätze, jedoch helfen sie nicht zu verstehen, wie Armut sich anfühlt und was sie langfristig mit einem macht. Armut tut weh, aber diese Geschichten möchte niemand hören. Dabei ist Armut etwas, was sich – theoretisch – leicht beseitigen ließe. Dass wir das gerade in Deutschland nicht hinbekommen, ist peinlich – für uns alle.
Aktuelle Rezensionen(17)
Miriam Davoudvanis „Das können wir uns nicht leisten“ behandelt eine gesellschaftlich hochrelevante Thematik, deren Sichtbarkeit ich für essenziell halte. Auch der persönliche, erfahrungsbasierte Ansatz ist grundsätzlich überzeugend. Sprachlich blieb das Buch für mich jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück: Der saloppe Stil wirkte stellenweise eher wie eine Aneinanderreihung von Instagram-Posts als wie eine ausgearbeitete literarische Auseinandersetzung. Gerade für Menschen, die in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen sind und kaum Berührungspunkte mit Armut und finanzieller Unsicherheit haben, halte ich das Buch für besonders relevant. Obwohl Miriam Davoudvani es eingangs an jene richtet, die den Satz „Das können wir uns nicht leisten“ aus ihrer Kindheit kennen, sehe ich sein größtes Potenzial darin, Menschen für Lebensrealitäten zu sensibilisieren, die ihnen selbst fremd sind. Trotz stilistischer Schwächen halte ich das Buch daher für einen wichtigen und notwendigen Beitrag.
Toll geschrieben, einfach zu lesen, wichtige Thematik für einen einfachen Einstieg.
Ein wirklich beruhrendes und wichtiges Buch.
Das können wir uns nicht leisten von Miriam Davoudvandi ist ein tiefgründiger, soziologischer Erinnerungs-Essay. Auch wenn die Zeitsprünge mich anfangs manchmal etwas verwirrt haben, lässt sich die Erzählung durch die Kapitelüberschriften letztlich wunderbar einordnen. Im Nachhinein ergibt diese Struktur total Sinn, denn Armut ist eben kein Lebensabschnitt, den man irgendwann einfach hinter sich lässt, sie bleibt als psychische Struktur im Kopf und holt einen im Alltag immer wieder ein. Miriam Davoudvandi macht die unsichtbare Problematik von Armut in Deutschland schmerzhaft sichtbar. Sie zeigt schonungslos, welche tiefen Spuren der permanente Mangel in der individuellen Entwicklung eines Menschen hinterlässt und welche immensen emotionalen Lasten sowohl Eltern als auch Kinder tragen müssen. Besonders bewegt hat mich, wie greifbar die generationenübergreifende Dynamik ist. Kinder, die schon früh lernen, ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurückzuschrauben, um die ohnehin belasteten Eltern zu schonen. Ein extrem starker und notwendiger Aspekt des Buches ist zudem die Verknüpfung mit dem Thema Migration. Hier zeigt die sie ganz deutlich die Schnittstellen auf, an denen soziale Isolation und bürokratische Hürden aufeinandertreffen und wo Menschenrechte und die Würde des Einzelnen von der Politik schlichtweg missachtet werden. Für mich ein absolut aufrüttelndes Buch. Es lenkt den Blick weg von kalten Bürgergeld-Debatten und Statistiken, hin zu den realen, psychischen Folgen von sozialer Ungleichheit. Eine große Leseempfehlung!
Durch das Buch versteht man besser wie das Leben in zwei verschiedenen Welten ist, dass jede finanzielle Schicht ihre eigene Kultur und Handlungsweisen mitbringt. Die Art, wie die Autorin über ihre Familie schreibt, ist sehr berührend.