Über den Fluss
von Theresa Pleitner
Eine junge Psychologin ist die Hauptfigur in Theresa Pleitners erstem Roman »Über den Fluss«. Mit gerade abgeschlossenem Studium meldet sie sich freiwillig, um in einem provisorischen Aufnahmelager am Rand einer deutschen Großstadt geflüchtete Menschen zu betreuen. Bald erfährt sie, wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind, den Traumatisierten in der hoch gesicherten Einrichtung zu helfen. Ihre Geschichten verfolgen sie bis in den Schlaf und treiben sie in die Vereinsamung. Immer stärker erlebt sie die Widersprüchlichkeit ihres Auftrags, zu dem es auch gehört, die Menschen notfalls zu entmündigen und Abschiebungen zu tolerieren – als Teil des Systems wird sie zum Teil des Problems. Als sie mit einem Geflüchteten konfrontiert wird, der sich das Leben nehmen will, gerät sie in ein moralisches Dilemma. Sie entscheidet – falsch – und verfasst einen eindringlichen Rechenschaftsbericht, nach dem man das Wort »helfen« nie mehr lesen wird wie zuvor.
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Über den Fluss
von Theresa Pleitner
Eine junge Psychologin ist die Hauptfigur in Theresa Pleitners erstem Roman »Über den Fluss«. Mit gerade abgeschlossenem Studium meldet sie sich freiwillig, um in einem provisorischen Aufnahmelager am Rand einer deutschen Großstadt geflüchtete Menschen zu betreuen. Bald erfährt sie, wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind, den Traumatisierten in der hoch gesicherten Einrichtung zu helfen. Ihre Geschichten verfolgen sie bis in den Schlaf und treiben sie in die Vereinsamung. Immer stärker erlebt sie die Widersprüchlichkeit ihres Auftrags, zu dem es auch gehört, die Menschen notfalls zu entmündigen und Abschiebungen zu tolerieren – als Teil des Systems wird sie zum Teil des Problems. Als sie mit einem Geflüchteten konfrontiert wird, der sich das Leben nehmen will, gerät sie in ein moralisches Dilemma. Sie entscheidet – falsch – und verfasst einen eindringlichen Rechenschaftsbericht, nach dem man das Wort »helfen« nie mehr lesen wird wie zuvor.
Aktuelle Rezensionen(1)
Dieses Buch kann nur tiefgründig finden, wer Unterkünfte (oder das Unterbringungssystem für Geflüchtete) nicht kennt. Wer mit ihnen vertraut ist kann hier höchstens müde die Augen verdrehen. Die geschilderten Geschichten und Schicksale sind bedrückend, die Beschreibung der Unterkunft zeigt die Prekarität der Unterbringungsform eindrucksvoll. Vorab: Das ist der Autorin sehr gut gelungen. Man merkt, dass sie selbst dort gearbeitet hat. Mich stört jedoch in großen Teil die Protagonistin, die als solche für mich nicht funktioniert. Entweder verstehe ich sie falsch oder sie ist wirklich so unausstehlich. Meiner Meinung nach befindet sie sich am Ende in keiner "moralisch scheinbar ausweglosen Situation", sondern schafft es nicht die Realität der Geflüchteten mit ihrer Realität übereinzubringen. Eine Protagonistin, die ein klar gezeigtes Nähe-Distanz Problem hat und die, so lese ich es, aus den völlig falschen Gründen den Job angenommen hat. Nicht, um Menschen in vulnerablen und prekären Lebenssituationen irgendwie zu helfen/unterstützen, sondern um ihr eigenes Selbstbild und Selbstwert zu stärken. Sie, die sie Liebhaber hatte, aus den vertretenen Herkunftsländern. Sie, die eine jüdische Freundin hat, von welcher sie "Nazibraut" genannt wird. Hier geht es nicht um die Schicksale der Geflüchteten, es geht darum, wie sie diesen helfen möchte, um sich selbst zu helfen. Und wie sie daran scheitert und kaputt geht. Schlaflosigkeit, Meidung sozialer Kontakte. Kurzum zeigt sie direkt erste Burn out Symptome und schließlich Resignation vor dem System. Das Ende bezeichne ich als entsprechend vorhersehbaren Handlungsfehler der Protagonistin, welcher sich aber durch ihre durchgängig überhebliche Art erklären lässt (ständiges anmerken, wie unwohl sie sich in ihrer Position fühlt, aber kündigen geht auch nicht - warum genau nicht?). Schließlich ist das System schuld und sie, die sie eigentlich nur helfen will (wirklich?), ist doch selbst nur ein Opfer des Systems und widersetzt sich diesem letztlich. So einfach ist es aber leider nicht. Das System ist ohne Frage fehlerhaft und oftmals ungerecht, das Problem der Protagonistin liegt aber nicht im System - sondern in ihr selbst. Jede geschilderte Geschichte wird von der Protagonistin direkt auf sich selbst bezogen - wie würde sie sich fühlen oder verhalten? überschreitet sie eine Grenzen, wenn sie ihre Klient:innen gewisse Dinge fragt? Da frage ich mich, ob sie ihren Job verstanden hat - die psychische Gesundheit zu beurteilen und im Zweifel den SpDi zu informieren. Ist das eine Entmächtigung? Natürlich Ob der SpDi einweist oder nicht, liegt jedoch nicht in ihrer Entscheidungsmacht. Es geht nicht darum, wie sich die Person fühlt, die diese Entscheidung trifft - es geht darum, dem leidenden Menschen zu helfen. Das ist natürlich eine extreme Machtausübung. Und evtl heißt das Einweisung. Und evtl wird sich dadurch nichts ändern - aber niemand ist Hellseher und Sachlagen ändern sind ständig. Das System wandelt sich ständig. Etwas, was die Protagonistin nicht zu verstehen scheint. Aufgabe der Protagonistin ist die psychologische Betreuung der Geflüchteten. Oftmals ist sie dadurch aussichtslosen Situationen ausgeliefert und kann nur sehr begrenzt helfen - das ist frustrierend, insbesondere da sie diese Erfolgserlebnisse für ihr eigenes Selbstbild dringend braucht und schon nach kurzer Zeit an ihre eigene Belastungsgrenze gerät. Ich frage mich am Ende also - was will die Autorin, die selbst Psychologin ist und in einer Unterkunft gearbeitet hat, mir sagen? Will sie einfach auf die Lebenswelt der Unterkunft aufmerksam machen? Auf die oft vertrackte "Zwischen den Stühlen" Position, welche die Mitarbeitenden inne haben und sich fügen müssen? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, und ich kenne die Arbeit in diesem Setting ebenfalls sehr gut, ist, dass die beschriebene Person einfach völlig fehl am Platz war und mich ihr Verhalten unglaublich genervt hat. Der Fokus, und vielleicht ist das die Kritik, da dies ein Problem in der humanitären Arbeit ist, lag nicht wirklich auf dem Wohl der Klient:innen, sondern darauf, dass sich die Protagonistin unwohl fühlt. Und sie fortan ihre Arbeit nicht danach ausrichtet, was für die Klient:innen unterstützend wäre, sondern für ihr eigenes Seelenwohl. Es geht ihr darum "zu helfen" - und dabei geht es darum, dass sie sich am Ende gut fühlt und noch im Spiegel angucken kann. Aber ist das eine Geschichte wert? Vielleicht bin ich "zu nah" an der Realität dran und sehe daher nicht, was genau hier das besondere sein soll. Leider wurde ich enttäuscht von diesem Buch - ich hatte einfach mehr erwartet. Es blieb doch alles sehr oberflächlich - spannend hätte ich es gefunden, wenn es wirklich um eine kritische Auseinandersetzung mit der Dichotomie zwischen "Persönlicher Motivation" und "Aufgabe im System" gegangen wäre. Eine Protagonistin, die aus den richtigen Gründen den Beruf wählt und dann in einer moralischen Krise steckt, da das fehlerhafte System sie zwingt ihre Ideale in Teilen zu ignorieren - im Kern aber von der Relevanz ihrer Arbeit überzeugt ist und deshalb nicht aufhört und daher versucht die Lücken im System zu nutzen. In Ansätzen ging es wohl darum - aber eben nur sehr oberflächlich. Da die Handlung sich aber auch nur über 3 Monate erstreckt, ist diese Oberflächlichkeit aber vielleicht auch gewollt. Mir hätte ein tiefgründigeres Buch mehr gegeben. Schade. Am Rande: der Begriff "Gast" ist völlig daneben und in diesem Kontext extrem unangebracht. Falls das aus der Realität gegriffen ist, hoffe ich doch sehr, dass dieser dort nicht mehr gängig ist.