3.0

Aber es wird regnen

von Clarice Lispector

Format:Hardcover

Endlich wiederentdeckt: die Virginia Woolf SüdamerikasPlatz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.

Literary & Contemporary Fiction
Hardcover
Erschienen an: October 5, 2020

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BuchsuchtRezension von Buchsucht

Große Literatur, mit der ich ehrlich gekämpft habe Clarice Lispector wurde 1920 als Tochter jüdischer Eltern in der heutigen Ukraine geboren, floh als Kleinkind mit ihrer Familie vor Pogromen nach Brasilien und wuchs im ärmlichen Nordosten des Landes auf. Aus diesen Wurzeln entwickelte sie sich zu einer der prägendsten literarischen Stimmen Südamerikas – eine Autorin, die mit Virginia Woolf, Franz Kafka und James Joyce in einem Atemzug genannt wird. „Aber es wird regnen“ versammelt 44 Erzählungen aus den späten Schaffensjahren der Autorin, neu übersetzt von Luis Ruby und herausgegeben vom Lispector-Biographen Benjamin Moser. Die Texte kreisen um Frauenfiguren in unterschiedlichen Lebenslagen: junge Mädchen, Hausangestellte, alte Frauen, Beobachterinnen ihrer selbst. Es geht um Demütigung und Ekstase, um Alltag und Abgründe, um winzige Momente, in denen sich Existenz verdichtet. Clarice Lispectors Sprache ist ohne Frage außergewöhnlich. Sie schreibt nicht handlungsgetrieben, sondern atmosphärisch. Ihre Sätze tasten sich an die Wirklichkeit heran, scheitern, setzen neu an, finden im scheinbar Banalen das Existenzielle. Wer literarische Moderne im Stil von Virginia Woolf, Marguerite Duras oder Katherine Mansfield liebt, wird hier fündig. Besonders hervorzuheben ist die Übersetzungsleistung von Luis Ruby. Lispector zu übersetzen ist eine Mammutaufgabe – ihre Sprachbilder, ihre Verschiebungen, ihre poetische Verdichtung lassen sich kaum eins zu eins ins Deutsche bringen. Ruby gelingt das in vielen Passagen außergewöhnlich gut. Seine Arbeit am ersten Band war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert – verdient, soweit ich das beurteilen kann. Hier wird es ehrlich. Ich habe mit diesem Buch gekämpft. Lispectors Erzählungen sind dicht, fordernd und entziehen sich oft jeder konventionellen Erwartung. Es gibt keine klassischen Handlungsbögen, oft keine klaren Schlüsse, manchmal sogar bewusste Unschärfen. Wer Geschichten erwartet, die einen mitnehmen und auflösen, wird hier ausgebremst. Ich habe das Buch nicht in einem Rutsch gelesen, sondern – auf Empfehlung anderer Leser:innen – in kleinen Häppchen verteilt über mehrere Wochen. Eine Erzählung hier, eine andere dort. Das half. Trotzdem blieben viele Texte für mich verschlossen. Lispector ist eine Autorin, die nicht zu jeder Lese-Lebensphase passt. Vielleicht war für mich gerade nicht der richtige Moment für sie. Was ich uneingeschränkt schätze: Lispector schreibt mit gnadenloser Präzision über weibliche Existenzen. Eine junge Frau, die das ekstatische Glück des Lesens entdeckt. Ein Hausmädchen in melancholischen Stunden. Eine alternde Frau, die sich selbst fremd geworden ist. Diese Texte sind feinste psychologische Studien, und sie wirken auch heute, fast 50 Jahre nach Lispectors Tod, frisch und relevant. Lispector beschreibt ihre Figuren laut Biograph Benjamin Moser „grausam und brutal“, aber gleichzeitig „liebevoll und in einer wunderschönen Sprache“. Diese Beobachtung trifft es: Es gibt keine Sentimentalität in diesen Erzählungen, aber tiefes Verständnis. Wer literarische Frauenporträts wie bei Annie Ernaux oder Marguerite Duras schätzt, wird hier definitiv etwas finden. 44 Erzählungen auf 282 Seiten – das klingt nach machbarem Umfang, ist aber täuschend. Jede Erzählung verlangt Aufmerksamkeit, viele wollen wieder gelesen werden, manche bleiben rätselhaft. Das Buch ist kein Buch, das man liest – es ist eines, mit dem man arbeitet. Für komplette Lispector-Anfänger:innen wie mich (ich hatte vorher weder Band 1 noch ihre Romane gelesen) ist der Einstieg ohne Vorwissen über die Autorin und ihren Stil herausfordernd. Hier hätte ich mir gewünscht, vorher die Biographie von Benjamin Moser oder zumindest Band 1 zu lesen. Wer sich auf Lispector einlassen möchte, sollte den Einstieg also nicht überstürzen. Auch wenn ich nicht alle Erzählungen gleichermaßen lieben konnte: Einige sind mir hängengeblieben. Da gibt es Momente, in denen Lispector eine Beobachtung trifft, die so präzise ist, dass man das Buch kurz weglegt. Eine Geste, ein Gedanke, eine Empfindung – auf einer halben Seite verdichtet zu einer Wahrheit, die man nicht in Worte fassen könnte, weil sie genau hier in Worte gefasst wurde. Für diese Momente hat sich die Lektüre gelohnt, auch wenn ich am Ende froh war, das Buch geschafft zu haben. Vielleicht ist das die ehrlichste Form, einer Autorin zu begegnen, die offensichtlich zu Recht zu den größten ihrer Zeit gezählt wird: mit Respekt, aber auch mit dem Eingeständnis, dass man nicht alles versteht. Mein Fazit: „Aber es wird regnen“ ist zweifellos literarisch bedeutsam, aber ich persönlich konnte mit den Texten nur teilweise warm werden. Das liegt klar an mir, nicht an Lispector. Wer literarische Moderne im Stil von Virginia Woolf liebt, sich auf experimentelles Erzählen einlässt und Geduld für poetische Verdichtung mitbringt, wird hier ein Schatzbuch finden. Wer eingängiges, handlungsgetriebenes Lesen mag, wird vermutlich kämpfen. Lispector ist eine der wichtigen literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, und wer das Glück hat, einen Zugang zu ihr zu finden, wird mit einer einzigartigen Leseerfahrung belohnt. Mein Tipp: Wer einsteigen möchte, sollte vielleicht erst Band 1 lesen oder einen ihrer Romane wie „Nahe dem wilden Herzen“. Der Einstieg über die späten Erzählungen ist anspruchsvoll. Empfehlenswert für Leser:innen literarisch ambitionierter Belletristik, Fans von Virginia Woolf, Marguerite Duras, Annie Ernaux oder Katherine Mansfield. Für alle, die sich für brasilianische Literatur und die internationale Moderne des 20. Jahrhunderts interessieren. Auch passend für literarische Lesekreise, in denen Texte gemeinsam diskutiert werden. Eher nichts für Leser:innen, die handlungsgetriebene Texte oder eingängige Wohlfühl-Lektüre suchen. Auch nichts für dich, wenn du erstmals mit literarischer Moderne in Berührung kommst – hier sind Woolfs „Mrs Dalloway“ oder Mansfield-Erzählungen vielleicht der bessere Einstieg.

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